„Schlafengel“ (Kirsten Boie, Ein Sommer in Sommberby)

Heidi heißt in diesem Jahr Martha, ist zwölf Jahre alt und verbringt mit ihren beiden kleinen Brüdern einen Zwangsurlaub bei der unbekannten

„Frau Oma“ (Kirsten Boie, Ein Sommer in Sommerby, Oetinger, Hamburg 2018, ISBN 978-3-7891-0883-9, S. 45)

ohne WLAN, Telefon und Straßenverbindung, dafür aber mit reichlich

„Kacke-Eier[n]“ (ebd., S. 43)

auf einer Landzunge an der Ostsee. Die Eltern sind nach einem Unfall der Mutter in Übersee, die Kinder erstmals bei der Oma, den Kontakt zu ihr hatten die Eltern abgebrochen. Die Oma wiederum lebt isoliert von ihrem Dorf Sommerby, die Straße ist längst überwuchert, Kontakt zur Außenwelt hält sie über ein Motorboot mit der jenseits der Bucht gelegenen Stadt. Dort verkauft sie selbstgemachte Marmelade und erhält alles, was sie zum Leben braucht, dort wird sie – obgleich irgendwie verschroben – offensichtlich geschätzt. Eine Art Alm-Öhi an der Ostsee mit eingeschränkter Sozialkompetenz gewissermaßen, mit der Natur im Einklang, wenn auch die Gänse spätestens zum Martinstag dran glauben müssen:

„‚Ja, der Schornstein muss rauchen! Für den Gänsebraten hab ich feste Abnehmer, die zahlen gut, geht schon zur Martinsgans im November los.'“ (ebd., S. 58)

Dem kleinen Mikkel gefällt das weniger, aber diese Geschichte will ich hier nicht erzählen. Auch nicht die von einem weiteren Versuch, der Oma ihr Grundstück abzukaufen, woraus sich eine Abenteuer- und Detektivgeschichte entwickelt, die zur großen Enttäuschen von Enes, dem türkischstämmigen Jungen von der Steuermannsinsel, nicht gleich mit einer Großfahndung und Verhaftung endet.

Ganz im Sinne des heimlichen Vorbilds Johannes Spyri erzählt Kirsten Boie nämlich auch die Geschichte einer Wiederannäherung: die wirtschaftlich erfolgreichen Eltern von Martha, Mikkel und Mats finden zurück zum Haus der Oma, die Oma zurück zu wenigstens einigen der Menschen in Sommerby, und dass Geld nicht alles ist, die wahren Werte woanders zu suchen sind, erfährt man ganz nebenbei auch. Insofern alles gut, Kirsten Boie erzählt gewohnt engagiert werteorientiert, diese Orientierung könnte man genauer untersuchen, aber auch darum geht es hier nicht.

Mir geht es um eine winzige Nebenhandlung: um das Einschlafen der kleinen Jungen in fremder Umgebung, ihre Angst – die fremde Umgebung, die Sorge um die Mama weit weg im Krankenhaus -, ihre Fragen – und den Trost, den die Oma ihnen mitgibt.

„‚Schlafengel?‘, fragt Mikkel und lässt sein Trockentuch sinken. ‚Wer ist das denn?'“ (ebd., S. 108)

Und die Oma erzählt, dass der Schlafengel schon die Mama nachts beschützt hat. Den Kindern ist er unbekannt. Mit dem Sandmann lässt er sich bedingt vergleichen, aber der ist

„‚logisch ausgedacht'“ (ebd., S. 109),

und so leicht wird man den Schlafengel nicht los.

„Martha denkt, dass sie sich am besten raushält. Schlafengel! So ein Blödsinn! Aber sie kennt schließlich Mikkel. Mikkel würde sich über einen Engel freuen, bestimmt, auch wenn er nicht so ganz richtig an ihn glauben könnte.“ (ebd., S. 109).

Und es wird sogar noch komplizierter.

„‚Glaubst du, so was gibt es wirklich, Schlafengel?‘, fragt Mikkel leise, als auch Martha über die Treppenleiter nach oben in ihr Schlafzimmer steigt. Jetzt fühlt es sich schon fast wie ein Zuhause an. ‚Das ist doch Quatsch, nicht, Martha?‘

Martha zuckt die Achseln. Das muss Mikkel schon selbst entscheiden. Was er glauben möchte. Und was ihn vielleicht glücklich macht.“ (ebd., S. 111)

Und tatsächlich denkt Mikkel weiter über das merkwürdige Wort und die in ihm aufscheinende Wirklichkeit nach.

„‚Wenn man die Engel sowieso nicht sehen kann, ist es vielleicht egal‘, flüstert Mikkel bittend. Er hat sich seine Dcke bis zum Hals hochgezogen und sieht nachdenklich aus. ‚Aber wenn man sie sowieso nicht sehen kann, kann es sie ja auch geben. So unsichtbar.'“ (ebd., 111).

Kirsten Boie spielt immer wieder religiöse Themen in ihre Erzählungen ein, nebenbei und unaufdringlich eröffnet der Schlafengel der Oma einen kleinen Diskurs über den Glauben, die Wirklichkeit und die Möglichkeiten eines Trostes.

„‚Ich kenn mich nicht aus‘, flüstert Martha. ‚Aber vielleicht siehst du ihn ja im Traum? Dann wissen wir Bescheid.'“ (ebd., 112)

Für Mikkel reicht diese Antwort, der Schlafengel wird am nächsten Abend (vgl. ebd., 158) wiederkommen oder zumindest wieder erwartet. Von den ausgedachten Geschichten, von denen Boie etliche anzitiert, unterscheidet er sich jedenfalls. Und das ist ja schon einmal eine ganze Menge.

 

„als Theologe und Christ wurde er zum politischen Rebellen“ (Alois Prinz, Bonhoeffer)

Ulrike Meinhof, Paulus ausTarsus, Jesus von Nazaret, Dietrich Bonhoeffer: es ist eine illustre Gesellschaft, die die Biographien von Alois Prinz zusammenfügt (weitere wichtige Namen wie Hannah Arendt und Teresa von Ávila, aber auch Josef Goebbels – dieses Buch habe ich noch nicht gelesen – gehören dazu), und mir fehlt es an Kompetenz, sie fachlich-historisch zu beurteilen. Lesenswert sind die Bücher allemal, Prinz sucht in seinen Texten nach der inneren Logik der erzählten Leben, nach ihrem Ringen um so etwas Komplexes und schwierig zu Findendes wie Identität. Er fragt dazu – seit dem Paulus-Buch immer expliziter – nach inneren Antrieben nach religiösen Motiven, Gründen und Lebensweisen, bei Dietrich Bonhoeffer folgerichtig nach einem religionslosen und politischen Christentum (Alois Prinz, Bonhoeffer. Wege zur Freiheit, Gabriel, Stuttgart, 2017, ISBN 978-3-522-30455-9). Im Prophetenzimmer, im

„Gästezimmer des Union Theological Seminary in New York“ (Prinz, Bonhoeffer, 7)

lässt Prinz Bonhoeffer

„zum politischen Rebellen“ (ebd., 10)

werden.  In langen Zitaten und paraphrasierenden Passagen kommt Bonhoeffer – Prinz nähert sich ihm vertraut, nennt ihn durchweg Dietrich – selbst zu Wort, nicht gesicherte Vermutungen über Beweggründe oder Entscheidungen werden in Frageform eingespielt.

„Ob Dietrich gemerkt hat, dass er sich in Widerspüche verwickelte und wie gefährlich seine Gdanken waren?“ (ebd., 82)

„Ob er an Maria dachte?“ (ebd., 235)

Zuweilen ergänzen und plausibilisieren Referate aus Texten Bonhoeffers solche Vermutungen. Historische Hintergründe zeichnet Prinz in wenigen Sätzen nach.

Dieser „Prinz-Ton“ liest sich gut, auch wenn er hin und wieder durch die Vermischung verschiedener Erzählebenen ein wenig verwirren mag. Spannend an den biographischen Projekten – und so auch am Bonhoeffer-Buch – ist die Suche nach Beweggründen, (religiösen) Motiven, theologischen Begründungen (alle Bücher sind ausweislich von Literaturverzeichnissen sorgfältigst recherchiert), aufbereitet für jugendliche Leserinnen und Leser.

Mich würde eine Arbeit über Alois Prinz, seine Suche nach Motiven und Personen, seine Arbeit an Beweggründen und Identitäten, sehr interessieren. Es darf auch eine Biographie sein.