„Ich bin eine Geschichte, die ich nicht lesen will“ (Tamara Bach, Marienbilder)

Möglichkeitsliteratur hat Konjunktur: jedenfalls legt sich dieser Gedanke nahe angesichts des Verkaufsstarts des 8. Bandes der Harry-Potter-Reihe (Harry Potter: Harry Potter und das verwunschene Kind. Teil eins und zwei [Special Rehearsal Edition Script], 978-3-551-55900-5) nahe, in dem Möglichkeitsszenarien der Zauberwelt variantenreich durchgespielt werden (dass etliche Varianten dabei unberücksichtigt bleiben, die vielleicht auch noch eine Erwähnung verdient hätten, betont bspw. Jana Seelig: http://www.huffingtonpost.de/jana-seelig/harry-potter-rowling-buchkritik_b_12181306.html). Bevor ich mich – vielleicht – demnächst zu diesem Buch äußere, einige wenige Bemerkungen zu einem faszinierenden Text von Tamara Bach. „Marienbilder“ (Carlsen Verlag, 2014, 978-3-551-58299-7) ist eine fulminante Dekonstruktion der Möglichkeiten und Kontingenzen, die ein Leben zu dem machen, was es ist.

Es geht um Mareike: die Ich-Erzählerin, die Jüngste von drei Geschwistern, ist schwanger geworden, beinahe jungfräulich, zum „Marienbild“ eben, nachdem ihre Mutter die Familie kommentarlos verlassen hat. Nach und nach rekonstruiert die Erzählung die Vorgeschichte dieser Mareike überfordernden Situation: bereits die Mutter war unehelich schwanger, der Vater, selbst Kind einer Affäre, hat sie  geheiratet, obwohl das Kind nicht von ihm ist.

„Die Sehnsucht meiner Mutter hat rote Haare“ (Bach, Marienbilder, 5)

und ist weder der Vater ihres ersten Kindes noch ihr späterer Ehemann geworden. Unerfüllte Wünsche, tiefe Sehnsüchte, ungelebte Möglichkeiten: sie geben der Erzählung ihr Thema vor.

Tamara Bach inszeniert dieses Thema nicht nur durch die stückweise Rekonstruktion der Familiengeschichte Mareikes. Mit einem Mal wird Mareikes Geschichte selbst zu einem Ort mehrerer Möglichkeiten. Am Bahnhof trifft sie Gregor, den Vater ihres ungeborenen Kindes, wieder – und es ergeben sich neue Möglichkeiten, wenigstens auf der Ebene der Erzählung. Denn was dann geschieht, entwickelt die Geschichte in fünf Möglichkeiten. Es könnte ja sein, dass der Zug, auf den Mareike wartet, pünktlich kommt und sie mitnimmt (49-90). Der Zug könnte verspätet sein (91-101). Er könnte aber auch ausfallen (103-117). Möglich wäre, dass ein anderer Zug kommt (119-130). Oder … (131-134).

Erzähltechnisch erzeugt diese Konstruktion Ungleichzeitigkeiten: trotz der Ich-Perspektive Mareikes wissen Leserinnen und Leser nach und nach mehr über ihr Leben als sie selbst. Mareike bleibt Gefangene der Kontingenzen, die ihr Leben bestimmen, bleibt

„eine Geschichte, die ich nicht lesen will“ (111).

Jenseits ihrer Perspektive scheinen für die Leserinnen und Leser Möglichkeitshorizonte auf. Deren äußerster: Mareike wäre gar nicht geboren worden, weil ihre Mutter sie nicht bekommen hätte.

In einer von Mareikes Geschichten spielt genau diese Möglichkeit eine Rolle. In einem bemerkenswerten Abschnitt reflektiert sie über Religion und die Möglichkeiten, die diese ihr böte, würde sie sie glauben.

„Hätte ich Religion, dann wäre es leicht. Dann wäre
ungeborenes Leben heilig. Dann gäbe es nur zwei
Möglichkeiten.“ (109)

Religion wird hier zu einer Möglichkeit innerhalb einer Möglichkeit, einer Möglichkeit zweiter Ordnung. Dass sie mehr als nur zwei Möglichkeiten bietet, wird wenige Seiten später deutlich: Mareike verliert ihr Kind – eine Möglichkeit, die in ihrem Kalkül nicht vorkommt.

Marienbilder ist ein fast trostloses Buch, gerade die letzten Sätze zeugen von der Möglichkeit spurenloser Nichtexistenz. Nietzsche scheint auf, doch bleibt sogar der ungelesen:

„‚Ich hab Nietzsche nicht gelesen‘, sag ich.“ (62)

Und auch das ist – für kundige Leserinnen und Leser – kein Zufall.

Es bleiben verdämmernde Erinnerungen an alte Sehnsüchte. Mareikes Großmutter, dement geworden, kramt in alten marianischen Andachtsbildchen, Marienbildern eben, als letzten Wirklichkeitsfragmenten:

„Die Marienbildchen, schau doch, wie schön die sind“ (88).

Und so bleibt die letzte Sehnsucht vielleicht die nach Religion und Heimat und einer tragfähigen Alternative:

„Da könnten wir sein, wenn nicht hier. Das sage ich dem Kind am ABend, das ist sein Gebet. Man könnte weiterreisen, aber ich bleibe hier, stricke einen dicken Pullover für den Winter, beziehe das Bett neu, und das Kind beginnt zu sprechen, eine andere Sprache als die, die ich gelernt habe“ (125).

Hinweis: voraussichtlich 2017 erscheint in einem von Georg Langenhorst und Eva Willebrand herausgegebenen Sammelband ein ausführlicherer Beitrag zu „Marienbilder“ von mir.

Hormone oder: „Gott, du verdammte taubstumme Kreatur“ (Marfaing, Leander sieht Maud)

Bemerkenswert an Nadia Marfaings Jugendroman „Leander und Maud“ (München: Knesebeck, 2014, 978-3-86873-752-3) ist für mich nicht die – psychologisch nicht ganz überzeugende – Handlung (die nach einem Unfall erblindete Maud wird von Leander umworben, gewinnt aber nur schwer neuen Lebensmut). Vielmehr handelt es sich um einen weiteren Text, der plötzlich, auf der Handlungsebene relativ unmotiviert, aber an einem erzählerischen Wendepunkt die Religions- resp. Gottesthematik einführt, ohne dass diese dann im weiteren Verlauf weiter entfaltet, eingeflochten oder sonstwie bearbeitet würde.

Leander hat Maud dafür gewonnen, im Schnee zu spielen. Die beiden bauen einen Schneemann, statten ihn aus – auch mit derben Utensilien, einer tief platzierten Banane – und geben ihm einen Namen.

„Das ist Gott“, sagt Maud, die ihm gar nicht zuhört, und zeigt auf den Schneemann. (Marfaing, Leander und Maud, 137)

Aus dieser Idee entwickelt sich ein kurzer Disput: ist Gott ein Mann, wie wäre diese Männlichkeit angemessen darzustellen (hier kommt die Banane ins Spiel)? Dann eine Erstarrung:

„Gott, warum bin ich blind?“

Mauds piepsige Stimme lässt ihn zusammenzucken. Ihr Tonfall klingt lächerlich.

„Gott, du verdammte taubstumme Kreatur, sag mir,  warum ich blind bin.“ (Marfaing, Leander und Maud, 138)

Mauds Erstarrung löst sich in einer Wutattacke gegen den Schneemann, bis dieser nur noch ein Haufen ist.

Wenig später liegen die beiden völig durchnässten Jugendlichen nackt nebeneinander im Bett, und Maud greift die Gottesfrage noch einmal auf.

„Glaubst du an Gott?“, fragt sie.

„Nein, das war bei uns nie ein Thema. Für mich stellt sich diese Frage nicht. …

„Da hast du Glück gehabt, ich musste den Katechismus auswendig lernen und war im Gottesdienst. Das macht alles nur noch komplizierter.“ (Marfaing, Leander sieht Maud, 143)

Es folgen noch zwei Sinndeutungen: Maud zitiert die Aussage ihres Pfarrers, der einen Sinn in ihrem Unfall und ihrer Erblindung behauptet, den Maud nicht entdecken kann – und Leander stellt fest:

„Für mich“, antwortet Leander, um Mauds düstere Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, „liegt der Sinn darin, dass wir dadurch die Möglichkeit hatten, uns besser kennenzulernen, aber Gott hat damit ganz und gar nichts zutun, das sind nur meine Hormone.“ (Marfaing, Leander und Maud, 144)

Und damit ist der Gottes-Moment vorbei. Nicht einmal am Ende des Romans, als Maud Leander von ihrem geplanten Suizid erzählt, endlich mit ihm schläft – und Leander den Suizid erfolgreich sabotiert, wird der Faden aufgenommen. Er reicht gerade an die Schwelle der Theodizee, weiter nicht.

 

Für mich reicht der Faden ein wenig weiter: einige weitere Texte, die urplötzlich und weitgehend folgenlos die Gottesfrage einspielen, werde ich in nächster Zeit kurz vorstellen.