Anfangen zu erzählen

Jutta Richters Hund mit dem gelben Herzen ist nicht nur als Dokument zerbrochener Gewissheiten bedeutsam. Religionspädagogisch beinahe unmittelbar anschlussfähig wird die Geschichte vom Gegenteil als Anfangserzählung: Warum erfindet G. Ott überhaupt etwas, warum erfindet er Freunde?

„Finsternis war und Irrsal und Wirrsal und Urwald und Sandweg und Hecke. Kein Laut zu hören in der Dunkelheit, außer unseren knirschenden Schritten im Sand.
‚Ötte, du musst was erfinden‘, hat Lobkowitz schließlich gesagt.
Es war stockfindster, so wie es immer stockfinster war
Wir hielten uns dicht beieinander, damit einer dem anderen aufhelfen konnte, wenn der stolperte.
‚Du musst was erfinden, das einem zeigt, wo man ist‘, sagte Lobkowitz.“ (Richter, Der Hund mit dem gelben Herzen, Taschenbuchausgabe München 2000, 48)

Erzählen begründet das Bestehende und verleiht Identität. Wer wissen will, „wo man ist“, muss erzählen – oder Erzählungen zuhören. Wer pädagogisch andere anleiten möchte, das Bestehende nicht als das Letzte und Sicherste, sondern als Gewordenes zu entdecken, kann, nein, viel eher: muss auf Erzählungen zurückgreifen. So lese ich jedenfalls den inzwischen fast vierzig Jahre alten Text von Johann Baptist Metz:

„Die Frage … nach dem Anfang (nach der arché), mit der der Logos der Griechen den Bann des reinen Erzählens im Mythos durchbrach, wirft das Denken gleichwohl immer wieder auf das Erzählen zurück. ‚Anfang‘ und ‚Ende‘ können nur erzählend bzw. vorauserzählend besprochen werden. Hellsichtig spricht Kant indiesem Zuammenhang vom ‚rhapsodischen Anfang des Denkens‘, der keiner argumentativen Rekonstruktion zugänglich ist.“ (Johann Baptist Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft. Studien zu einer praktischen Fundamentaltheologie, Mainz [5] 1992, 199).

Erzählen bewahrt, so Metz weiter, die Vernunft vor der technizistischen Selbstpreisgabe und ist Ausdruck ihrer schöpferischen Kraft, in die „die Zuhörenden … befreiend einbezogen werden“ (Metz, ebd.). Mehr noch: es ist religiös bedeutsam. Es gibt einen „Zusammenhang von Erzählung und Sakrament“ (Ebd., 201), Erzählen verändert (und nur diese Seite des von Metz konstatierten Zusammenhangs möchte ich jetzt aufgreifen), die Erzählung ist „gewissermaßen“ ein „signum efficax“, in ihr bindet sich Performativität an Verheißung und Erinnerung, mithin an die Grundstruktur christlicher Gottesrede:

„Die Einführung der erzählenden Erinnerung und die Betonung ihres kognitiven Primats in der Theologie ist … keine ad-hoc-Konstruktion. Sie aktualisiert vielmehr jene Vermittlung von Heilsgeschichte und menschlicher Leidensgeschichte, wie sie in den Zeugen und Zeugnissen des christlichen Glaubens begegnen.“ (Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft, 205)

Es gibt so etwas wie die  „Erzählstruktur der Theologie“ (Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft, 209), und religionspädagogisch gewendet lässt sich wenigsens in einigen Geschichten auch so etwas wie eine Theologie der Erzählung ausfindig machen, die sich nicht auf die Figur des Erzählers beschränken kann. In Jutta Richters Hund mit dem gelben Herzen ist das jedenfalls so.

Hier wird ein Anfang erzählt und ein Grund für die abgründig gewordene Wirklichkeit aufgezeigt, in der alles sein „Gegenteil“ hat und in der deshalb auch das Gegenteil von Allem erahnbar wird. Der Hund mit dem gelben Herzen ist eine Kontingenzgeschichte. Die „Geschichte vom Gegenteil“, die Jutta Richter erzählt, irritiert Gewissheiten und destruiert vor allem die Gewissheit, dass wir immer schon wissen, wie alles geworden ist und warum. Doch sie gibt auch Antworten: Welt ist, damit Orientierung ist und Freundschaft. Den Primat in ihr hat die Begegnung. Lernende können damit meist gut umgehen und Lernprozesse konstruktiv gestaltet werden: In der Dechiffrierung der Figuren, die sich einfachen Gleichsetzungen (G. Ott ist nicht Gott, Lobkowitz weder Jesus noch der Teufel noch der paradigmatische Mensch) widersetzt, in der Imagination des Erzählten (Malen hilft, Bilder aus der Phantasie besprechbar werden zu lassen), im Vergleich mit einem wissenschaftlichen Weltbild, das als weitere große Erzählung über die Welt entzifferbar wird. Der offene Schluss schließlich hält auch den Anfang offen und zeigt nebenbei, dass Anfangserzählungen vom Schluss her plausibel werden und deshalb auch die Evolutionsgeschichte als beherrschende naturwissenschaftliche Erzählung noch nicht zu Ende erzählt ist. Geschichten geben zu denken, aber damit gedacht werden kann, braucht es auch die Geschichten, in denen sich das Denken findet, in denen das Denken auf seinen unvordenklichen Grund trifft.

Es gelingt Jutta Richter darüber hinaus, dieses Erzählen von Kontingenz innerhalb der Erzählung zu thematisieren. Es ist ja der Hund, den Lotta im Wald findet und dessen Sprechen-Können zu den phantastischen Selbstverständlichkeiten der Geschichte gehört (erstaunlich nur, dass der Hund neben Kätzisch und Täubisch und ein wenig Rättisch eben auch Menschisch spricht, „Fremdsprachen“ [Richter, Der Hund mit dem gelben Herzen, 11] eben), der das alles erzählt und dessen Erzählung für die Leserinnen und Leser in einer erkennbaren Schwebe bleibt: erfindet der Hund nur, was er erzählt, oder erzählt er, was er erlebt hat? Ist seine Anfangsgeschichte

„‚Na gut, dann erzähle ich Ihnen eben die Geschichte, wie Lobkowitz Lobkowitz wurde.‘
Wie Lobkowitz Lobkowitz wurde, denkt der Hund. Wie alles angefangen hat. Damals, als es noch nichts gab, nicht einmal Namen.“ (Richter, Der Hund mit dem gelben Herzen, 18)

dem Zweck geschuldet, ein Zuhause zu finden, oder ist die Suche nach einem Zuhause nur Teil der großen Suche nach G. Ott? Oder gehört beides irgendwie zusammen?

Über alles dies lässt sich mit dem Hund und Lotta und Prinz Neumann, ihrem Bruder, trefflich nachdenken: ausgehend von einer Geschichte, die Raum bietet, über Anfänge und ihre erzählerische Vergegenwärtigung, über Freundschaft und die Suche nach Heimat nachzudenken – und das dazu in einer Sprache, in der sich rasch biblische Motive wiederfinden lassen. Das Denken kann sich hier am Erzählten entzünden, kann sich mit seiner Hilfe von den vermeintlichen Plausibilitäten des Alltags befreien und auf neue Möglichkeiten aufmerksam werden.

Noch einmal J. B. Metz:

„Gibt es nicht auch Erzählmomente in den Wissenschaften und wenn ja: sind sie dann nur nebensächlich und allenfalls von heuristischem Wert? Muß nicht z.B. eine ‚Logik der Forschung‘ den Wandel, die Kontinuität und Diskontinuität in den wissenschaftlichen Prozessen auch in narrativen Mustern explizieren?
Wirft nicht die Betonung der Erzählstruktur der Theologie auch in neuer Weise die Frage nach deren Wissenschaftscharakter und nach der kognitiven Eigenart, Verbindlichkeit und Kompetenz theologischer Sätze auf?“ (Metz, Glaube in Geschichte und Gesellschaft, 209)

Und ist das nicht etwas sehr Wichtiges, was man in der Schule – in religiösen Lernprozessen – lernen kann: dass wir unser Leben aus Geschichten leben, dass Wahrheit Erzählung braucht, ja: Erzählung gestaltet?

Hohe Zeit, mit dem Erzählen anzufangen und vom Anfang zu erzählen.