„Der-über-den-Wolken-wohnt“ (K. Boie, Der durch den Spiegel kommt)

Die theologische Kategorisierung kinder- und jugendliterarischen Gottesvorstellungen, die hin und wieder im Anschluss vor allem an Magda Motté vorgeschlagen wird, bleibt unbefriedigend: sie überspielt die Eigenart des literarischen Textes und damit auch die Chancen, die dieser Text bietet. Ist „Der-über-den-Wolken-wohnt“ denn überhaupt Gott? Will er mit dem Gott der jüdisch-christlichen Tradition gar verglichen werden?

Georg Langenhorst hat, und darauf möchte ich mit Nachdruck hinweisen (wollte dies auch schon früher tun, bin aber noch nicht dazu gekommen), fünf Gewinndimensionen (z.B. in: Georg Langenhorst, Theologie und Literatur. Ein Handbuch, Darmstadt 2005, 229-235) für die theologische Rezeption von Literatur vorgeschlagen, die sich auf die religionspädagogische Rezeption von Kinder- und Jugendliteratur übertragen lassen (wenn sie auch wohl noch nicht das komplette Potential dieser Rezeption abbilden).

Literatur, so Langenhorst, stehe in einem komplexen Verhältnis zu den Texten religiöser Traditionen. Mit dem Terminus „Textspiegelung“ lassen sich „Text-zu-Text Bezüge strukturiert erfassen“ (Langenhorst, Theologie und Literatur, 230) und fruchtbar machen: „Der literarische Text und die mit verschärftem Blick betrachteten Texttraditionen“ werden „einander gegenüber gestellt“ und in ihrem Zu- und Miteinander begriffen (ebd., 231).

Als zweite Gewinndimension entwickelt Langenhorst die „Sprachsensibilisierung„. Sie beschreibt das Potential religiöser Sprache für die Literatur wie auch das Potential literarischer Sprache für den „sorgsamen Sprachgebrauch in Theologie und Religionspädagogik“ (ebd., 231).

Drittens nennt Langenhorst die „Erfahrungserweiterung„.

„Hinter dem Stichwort verbirgt sich ein doppelter Betrachtungszugang: SchriftstellerInnen stehen in individuellen Erfahrungszusammenhängen mit sich selbst, anderen Menschen, ihrer Zeit und ihrer Gesellschaft und lassen diese Erfahrungen in ihren Sprachwerken gerinnen … Über den doppelten Filter der schriftstellerischen Gestaltung einerseits undd er stets individuellen Deutung andererseits ist hier aber zumindest ein indirekter Zugang zu Erfahrungen anderer möglich.“ (Ebd., 232)

Die fiktionalen „Modelle von Lebensgestaltung“, die die Literatur anbietet, fordern Leser/innenerfahrungen heraus und bieten Lernchancen.

Unter „Wirklichkeitserschließung“ versucht Langenhorst zu verstehen, wie Literatur auf Zukunft hin geöffnet ist, Leserinnen und Lesern nicht nur die Deutung ihrer schon vorhandenen Erfahrungen, die Anteilnahme an fremder Erfahrung ermöglicht, sondern „eigene Realitätsebenen“ (ebd., 233) erschließt. Diese können zur Herausforderung werden, „in denen sich möglicherweise auch an Theologie Interessierte eher wiederfinden als in den traditionellen Sprachspielen von Dogmatik, Katechese und Liturgie“ (ebd., 234). „Der-über-den-Wolken-wohnt“ und lacht gibt auf jeden Fall zu denken.

Mit „Möglichkeitsandeutung“ schließlich beschreibt Langenhorst die Fähigkeit literarischer Entwürfe, „Visionen von gelingendem Leben und vorbildhaftem Verhalten, den Entwurf von Modellen im Blick auf gefundene Identität und ersehnte Erfüllung“ zu entwickeln (ebd., 234) – ohne eligiöse und literarische Sprache in eins zu setzen.

Hinsichtlich des Status seines Vorschlags bleibt Langenhorst zurückhaltend:

„Aber gleich eingestanden: Auch die fünf von mir vorgeschlagenen Begriffe sind nur provisorische Hilfsbegriffe, die zur Schärfung, Überprüfung und Verbesserung vorgeschlagen werden“ (ebd., 235).

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