Unterland (Anne C. Voorhoeve). Von der Heimatlosigkeit und ihren Geschichten

“Sollten wir je wieder nach Hause zurück dürfen, dann würde nicht nur unsere Insel nicht mehr dieselbe sein. Man lernt sich in der Fremde anders kennen. Freundschaften gehen zu Ende, nichts verbindet mehr außer dem Ort, von dem wir kommen. Ich hoffte, dass nicht allzu viele Helgoländer dieselbe Erfahrung machten wie Leni und ich, sonst wusste ich nicht, wie wir je wieder zusammenfinden sollten.” (Anne C. Voorhoeve, Unterland, Ravensburger Buchverlag, 2012, 346)

Alice Sievers, zwölf Jahre alt, erlebt die Flucht von ihrer Heimatinsel Helgoland und die ersten Nachkriegsjahre in Hamburg. Sie sehnt sich nach einer Rückkehr, muss aber nach und nach erkennen, dass die Vergangenheit unerreichbar ist, ihre Heimat für immer das vertraute Gesicht verloren hat. In der Fremde ändert sich ihr Leben.

Anne C. Voorhoeves neuestes Buch (mehr dazu hier) ist mehr als eine gut recherchierte und spannend erzählte Kindergeschichte aus der Nachkriegszeit, die sich der Flüchtlings- und Vertriebenenthematik aus ungewohnter Perspektive widmet. Im Hintergrund der Erzählung, und das weckt mein religionspädagogisches Interesse, geht es um die Prägekraft von Erinnerungen, die Macht von Geschichten, den Zauber von Wörtern.

Alice trägt die Vergangenheit am eigenen Körper, genauer noch: sie trägt an ihr. Bei einem Luftangriff auf Helgoland wurde ihr Bein verletzt, es musste amputiert werden, Alice trägt seitdem eine Prothese, der sie mehr und mehr entwächst. Sie muss täglich neu laufen lernen, bis sie einmal als Erwachsene eine neue, gut angepasste Prothese erhalten wird.

Der Prothese, die sie mit ihrer eigenen Geschichte verbindet und die doch an Tragfähigkeit verliert, entspricht eine mühsame Suche nach Wahrheit. Nach und nach wird Vertrautes fremd, muss Fremden Vertrauen entgegengebracht werden.

“Die Wahrheit über uns musste so grauenvoll sein, dass Eltern ihren Kindern nicht einmal mehr in die Augen sehen konnten. Wenn ich mehr wissen wollte, musste ich Fremde fragen.” (Voorhoeve, Unterland, 412).

Nach und nach ergründet Alice ihre Vergangenheit – und muss ihre eigene Geschichte neu lesen, neu erzählen. Der vermeintliche Verräter, der die Bombardierung Helgolands verschuldet zu haben scheint, entpuppt sich als harmlos, der harmlose Liebhaber der Mitbewohnerin verbirgt den untergetauchten Ehemann, einen Kriegsverbrecher.

Anne C. Voorhoeve buchstabiert die Wahrheit eröffnende Grammatik des Unvertrauten immer wieder durch: in “Lilly unter den Linden” (2004) beispielsweise als Reise in die fremde DDR, in “Liverpool Street” (2007, Besprechung hier) als Begegnung mit den jüdischen Wurzeln im britischen Exil. Die Grammatik des Unvertrauten, die die Entdeckung des Eigenen ermöglicht, eröffnet religionspädagogisch interessante Fragestellungen, die ich hier nur kurz nenne – ob “Unterland”, ob KJL überhaupt eine Antwort entwickeln kann, sei vorerst dahingestellt.

Fragen formulieren helfen kann sie in jedem Fall: Können Religion, Religiosität, Christlichkeit im Unvertrauten einer (post-)säkularen Gesellschaft neu zu sich finden? Und das, obwohl “Freundschaften zu Ende gehen”: sich Religiositäten innerhalb der christlichen Tradition, wie es sich derzeit abzuzeichnen scheint, bis zur wechselseitigen Unverstehbarkeit ausdifferenzieren, weil das Fremde unterschiedliche, miteinander kaum mehr kompatible Antwortversuche provoziert?

Voorhoeves Antwort in “Unterland” ist das Erzählen: Henry, Alices Bruder, sammelt die Geschichten des alten Helgoland, um den Flüchtlingen die Rückkehr auf die durch Bomben veränderte, aber im Kern unzerstörte Insel zu ermöglichen, um Hoffnung und Erinnerung wach zu halten, und publiziert sie in einer Flüchtlingszeitung. Sie überbrückt die Zeit des Wartens bis zum versöhnlichen Ende.

“Die ganze Zeit wartete unsere Isel, sah Jahreszeiten kommen udn gehen und bot den Fischern Schutz, wenn sie bei stürmischer See in den Ruinen des Hafens anlegten.

Wartete sieben Jahre. Bis wir endlich nach Hause durften.” (Voorhoeve, Unterland, 430).

Im Unterschied zu “Unterland” steht das versöhnliche Ende religionspädagogisch-theologisch noch aus.

Ein Gedanke zu “Unterland (Anne C. Voorhoeve). Von der Heimatlosigkeit und ihren Geschichten

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