Die Macht der Geschichten

Folgt man Rudolf Englert, hat es das religiöse Lernen mit Geschichten zu tun:

„Nur durch Geschichten gelangen wir zu Menschen und Dingen (vgl. Schapp). Erst im Hören und Erzählen von Geschichten entsteht so etwas wie eine verständliche Welt. Erst in Geschichten bekommt alles Einzelne seinen Platz und seinen »Sinn«. Von daher stehen »wir immer schon« unter dem Einfluss von Geschichten, kleinen und großen Erzählungen. Die Frage ist: Im Einflussbereich welcher Geschichten will ich mich aufhalten? Unter dem Dach welcher Geschichten will ich wohnen? Welchen Geschichten will ich Macht über mich geben …? Vor diesem Hintergrund könnte man geradezu definieren, wer oder was ein Christ ist: ein Mensch, der sich dem Einfluss der für den christlichen Glauben prägenden Geschichten, Metaphern und Lehensmodellen aussetzt ─ und der sich selbst verstricken lässt in die große Tradition der Weitergabe dieser Geschichten.“ (Rudolf Englert, Was sich im Religionsunterricht lernen lässt, KatBl 134 (2009), 50 – 58, 51, online zugänglich: http://www.studienseminar-neuss.de/Primarstufe/Fachseminare/Evangelisch/pdf/wassichimru_lernenlaesst.pdf)

Das Leben, so beschreibt es durchaus ähnlich die Literaturwissenschaftlerin Monika Fludernik, lasse sich „als eine Reise, die narrativ gestaltet werden kann“, begreifen (Monika Fludernik, Erzähltheorie. Eine Einführung, Darmstadt [3] 2010, 9). Erzählungen schaffen Sinn in Leben und Welt, sie ordnen das Chaos in und um uns und prägen, weil es Erzählungen schon lange vor uns gab, uns und unser Leben. Erzählungen gestalten menschliche Freiheit (vgl. dazu auch: Odo Marquard, Lob des Polytheismus, in: ders., Abschied vom Prinzpiellen, Stuttgart 1991, 91-116, bes. 93-95). Erzählungen können sowohl dann, wenn sie erzählt, als auch dann, wenn sie gehört oder gelesen werden (es ist durchaus sinnvoll, zwischen der Produktion und der Rezeption von Geschichten vorerst zu unterscheiden), gleichsam Welten entstehen lassen – so sehr, dass zuweilen nicht mehr klar ist, ob hinter den Wörtern der Erzählung noch eine andere Welt möglich sein könnte. Allerdings gibt die Pluralität der Erzählungen und Weltentwürfe, die sich ergänzen, ausschließen oder direkt widersprechen, Kunde davon, dass die Wahrheit von Geschichten fragil bleibt. Erzählungen eröffnen verschiedene Modi der Weltdeutung (Jürgen Baumert) und rufen die Wahrheitsfrage hervor, weil es Erzählungen nur im Plural gibt.

Religionspädagogisch klärungsbedürftig scheint mir daher zum einen der Weltdeutungsmodus des erzählenden Weltzuganges selbst zu sein, zum anderen seine Wahrheitsfähigkeit. Klärungsbedürftig ist schließlich, wie mit der – womöglich unhintergehabaren – Macht der Geschichten religionspädagogisch umzugehen ist: die Methodenfrage.