G. Ott zum Gruße

„EINMAL, UND DAS IST LANGE HER, habe ich Gustav Ott getroffen. Zufall, reiner Zufall. Vor mir der Sandweg, rechts eine hohe Hecke, links der dunkle Urwald. Müde war ich. Hungrig war ich. Und es wurde Nacht. Ob ich Tage oder Wochen gelaufen war, wusste ich nicht mehr. Ich wusste nur, ich war niemandem begegnet. Öde Gegend. Urwald, Sandweg, Hecke, immer nur Urwald, Sandweg, Hecke. Das ging tagelang geradeaus und nahm kein Ende. Paarmal hatte ich geglaubt, da wäre ein Loch in der Hecke. War aber nicht. Also weiter, dachte ich, muss ja irgendwann aufhören: Urwald, Sandweg, Hecke. Kann ja nicht alles sein im Leben, was man sieht.“ (Jutta Richter, Der Hund mit dem gelben Herzen oder die Geschichte vom Gegenteil, München 2000, 20 [Originalausgabe: München/Wien 1996])

Wo und wann ich Gustav Ott zum ersten Mal begegnet bin, weiß ich nicht mehr genau. Es muss eine Buchbesprechung irgendwo in einem Feuilleton gewesen sein; dann, und da wird meine Erinnerung genauer, war es eine religionspädagogische Arbeitshilfe (Hannelore Richter, Der Hund mit dem gelben Herzen, in: entwurf 2002-1, 55-64, Materalien online), schließlich der Versuch, mit Jutta Richters Buch im Unterricht neue Wege zu gehen und die Spannkraft, die Gustav Ott innewohnt, mit Schülerinnen und Schülern zu erleben.

Mit Gustav Ott, dem großen Erfinder, betrat, so Gundel Mattenklott, ein neuer Protagonist die Bühne der zeitgenössischen Kinder- und Jugendliteratur (Gundel Mattenklott, G. Ott, ein neuer Protagonist in der Kinder- und Jugendliteratur, in: Deutschunterricht 51 [1998], 294-303). Der Hund mit dem gelben Herzen ist ein Buch, angefüllt mit dem, was seine Heimstatt in den Religionen hat, das die Grenzen des binnenreligiösen Diskurses souverän sprengt. Es ist frei von im schlechten, weil bevormundenden Sinne katechetisierenden Impulsen, voller Phantasie und Anregungen zum Wagnis eigenständigen Denkens. Wer ist dieser eigenartige G. Ott? Wer sein Freund Lobkowitz? Warum ähnelt G. Ott Opa Schulte, in dessen Schuppen die Geschichte spielt, der aber keine Hunde mag? Warum hat G. Ott die Ratten erfunden? Dass Hunde sprechen können (und Katzen bei Jutta Richter ohnehin), wundert nur diejenigen, die Fremdsprachenkenntnisse für eine menschliche Errungenschaft halten. Der Hund mit dem gelben Herzen führt mitten hinein in die großen Fragen, die in der posttraditionalen Gesellschaft keine allgemeingültigen Antworten mehr finden – und verweigert sich der Eindeutigkeit. Und das trotz klarer Anlehnungen an die Tradition des biblischen Schöpfungsglaubens. Kinder- und Jugendliteratur entwickelt in Gustav Ott ein riesiges Potential, Leserinnen und Leser mündiger werden zu lassen aus dem Sinnvorrat christlicher Tradition, der sich offensichtlich noch nicht „er-schöpft“ hat.

Und dann sah ich den Küchenschrank! Wahnsinn! Der Schrank hatte sieben Türen, und auf jede Tür war ein Bild gemalt. Und was für Bilder! Ich sah Felsen und Schluchten. Ich sah Stürme und Überschwemmungen. Ich sah Blitze und Eismeere und Urwälder. Und Sterne und Sonne und Mond und eine wunderschöne blaue Kugel vor einem Hintergrund, der unendlich schwarz und einsam war. Das siebte Bild jedoch zeigte den Garten, durch den ich gelaufen war, mit allen Blumen, Quellen und Obstbäumen. Und mehr noch: Ich konnte auf dem Bild auch Schmetterlinge, Vögel und Schafe erkennen, die ich draußen nicht bemerkt hatte. (Richter 2000, 24f.)

Ich freue mich, wenn Sie gemeinsam mit mir erkunden möchten, wo Kinder- und Jugendliteratur (übrigens auch für Erwachsene) zur Sehhilfe wird von etwas, was man „draußen nicht bemerkt hatte“. G. Ott zum Gruße!

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