Auswahlkriterien: Kinder- und Jugendliteratur im Religionsunterricht

Es ist an der Zeit, einige Auswahlkriterien für religionspädagogisch relevante KJL zu nennen und dabei die religionspädagogische Relevanz zunächst unter einem ganz pragmatischen Gesichtspunkt, dem der Verwendbarkeit konkreter Texte in religiösen Lernprozessen in der Schule, zu verstehen: wodurch kann KJL, können sogar Ganzschriften für Schülerinnen und Schüler relevant werden?

Drei Aspekte möchte ich zunächst nennen (weitere finden sich z.B. bei Mirjam Zimmermann, Literatur – Jugendliteratur – Literaturunterricht, in: dies. [Hg.], Religionsunterricht mit Jugendliteratur [= RUpraktisch sekundar], Göttingen 2006, 7-13, sowie bei Christiane Boeck, Lesen im Religionsunterricht, in: kjl&m 60 [2009], 44-48).

Einen ersten Hinweis hat Felix, der Erzähler in Gleitzmans Romanen Einmal und Dann, gegeben, den ich gern noch einmal zu Wort kommen lassen möchte:

„Geschichten funktionieren immer am besten, wenn du den Leuten nicht zu erklären versuchst, worum es geht.“ (Gleitzman, Dann, 110).

Ich plädiere mit Felix für Geschichten, die offen für vielfältige Zugänge sind, an denen und in denen sich die Lesenden erproben können. Didaktisch funktionalisierte Texte, deren Intention teilweise sogar offenkundig ist, sind zwar als Instrumente der Wissensvermittlung weit verbreitet und auch in Buchhandlungen immer wieder anzutreffen (man denke an die beliebten Abenteuer- und Krimireihen, die en passant in Reiseführer oder Geschichtsbücher mutieren und die Leserinnen und Leser instruieren, was wann wo wie und warum geschehen ist und deren instruktionstheoretisches Konzept keinen Raum für eigene Fragen mehr lässt, schlimmer noch: Wissen als Ort nicht hinterfragbarer Antworten vorführt), für religiöse Lernprozesse sind solche Texte aber kaum geeignet.

Und ein zweites Kriterium: die Erzählung muss den Leserinnen und Lesern Anknüpfungspunkte bieten, Identifikationsfiguren, Projektionsflächen für Wünsche, Träume und Sehnsüchte, aber auch für Ängste, Sorgen und Fragen. Felix, der erst neun-, dann zehnjährige Erzähler in Einmal und Dann ist so eine Identifkationsfigur, die es erlaubt, eine Leseempfehlung auszusprechen: beide Texte eignen sich für Kinder ab etwa dem 4. Schuljahr, obwohl der Inhalt oft verstörend ist und sich diese Verstörung den Leserinnen und Lesern auch mitteilt.

Drittens ist schließlich die Lesefähigkeit der Leserinnen und Leser zu berücksichtigen: KJL in religiösen Lernprozessen soll keine Erfahrung der Demütigung sein, keine Fortsetzung des Deutschunterrichts mit anderen Mitteln, sondern soll Kinder und Jugendliche mit Geschichten vertraut machen, die ihnen helfen zu leben. Daher ist auch der Umfang (ggfs. der Preis) der Bücher zu berücksichtigen: viel zu selten machen sich Lehrerinnen und Lehrer Gedanken über die subtilen Ausgrenzungs- und Überforderungsmechanismen, die die Anschaffung von Materialien für manche Elternhäuser mit sich bringt. Umfang und Preis sind daher jeweils im Einzelfall abzuwägen mit der wichtigen Absicht, auch im Religionsunterricht Leseförderung zu betreiben (vgl. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz [Hg.], Nr. 78: Kirchliche Richtlinien zu Bildungsstandards für den katholischen Religionsunterricht in den Jahrgangsstufen 5-10/Sekundarstufe I, 23. September 2004, 15 Anm. 18 online bereits in 4. Auflage verfügbar) .