Nichts – kontrovers

Kontrovers haben Ute Lonny-Platzbecker und Susanne Nordhofen in der Zeitschrift Eulenfisch über das Buch diskutiert. Lonny-Platzbecker plädiert dafür, die Provokation des Nihilismus im Unterricht zu thematisieren:
„Wo der Roman endet, wo alle menschengemachten und aus der Religion bloß adaptierten Sinnentwürfe gescheitert sind, kann die Auseinandersetzung – auch im Ethik-, Philosophie- oder Religionsunterricht – weiterführen. Der Roman schreit geradezu nach einer tragfähigen Antwort auf die Sinnfrage – in dieser Radikalität eine heilsame Provokation, der sich gerade der christliche Glaube aussetzen kann und sollte“ (Ute Lonny-Platzbecker/Susanne Nordhofen, Eine Lektüre für die Schule? Janne Tellers Jugendroman „Nichts“, 62-64, 63).

Auf die Schwierigkeit, didaktisch und methodisch angemessen zu reagieren, macht dagegen Susanne Nordhofen aufmerksam:

„Die Parabel konjugiert durch, wozu es führen kann, wenn grundlegende Wertorientierungen fehlen. Aus Plus wird minus, aus Klassengemeinschaft kollektive Unterdrückung, aus Unberührtheit hysterische Grausamkeit, aus Freundlichkeit Heuchelei, aus Originalität und Begabung Verstümmelung, aus Frömmigkeit Gewalt. Die ausgebreitete Negativfolie eines gelingenden Lebens erspart jugendlichen Lesern keine Grenzüberschreitung. Gezeigt wird eine „Jugend ohne Gott“, die im Herzen der Finsternis wohnt. Die pädagogische Großmeisterin möchte ich sehen, der es gelingt, die gerufenen bösen Geister wieder einzufangen“ (Lonny-Platzbecker/Nordhofen, Eine Lektüre für die Schule, 64).

Man mag beiden Positionen ihr Recht nicht ohne weiteres absprechen. Sie thematisieren ein Problem, zu dem der Roman selbst keine Lösung anbietet. Kann man – und wenn ja: wie? – mit der Provokation des Nihilismus, die das Buch aufwirft, didaktisch umgehen? Die Unterscheidung unterschiedlicher religionspädagogischer Rezeptionsinteressen hilft zunächst weiter:

  • Vordergründig fällt die bewusste Nennung des muslimischen Gebetsteppichs und des christlichen Kreuzes als wichtigen Bedeutsamkeiten zweier Protagonisten, Kai (meist: „der fromme Kai“) und Hussein auf. Als Hilfswissenschaft der Literaturwissenschaft kann die Religionspädagogik hier von Nutzen sein, für die religionsdidaktische Arbeit mit dem Roman trägt dieses Interesse aber nichts bei.
  • Nichts bietet Anknüpfungspunkte für theologische Fragestellungen: in der Verweigerung der Fraglichkeit der Welt, die Pierre Anthon in die Handlung einträgt, die sich dann über Tӕring, den fiktiven Handlungsort, ausbreitet und in der Lebenszeit der Ich-Erzählerin Agnes weiterwirkt: Nichts ist als Rückblende erzählt. Eine genauere Analyse aus theologischer Perspektive scheint gewissermaßen die Voraussetzung der religionsdidaktischen Arbeit mit dem Buch zu sein.
  • Das zeitdiagnostische Potential von Nichts ist vergleichsweise leicht zugänglich, dass sein Thema in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen vorkommt, vermutet Lonny-Platzbecker wohl völlig zu Recht. Doch wie die Ergebnisse soziologische Untersuchungen nur in seltenen Fällen Thema religiöser Lernprozesse sein werden, ist für die didaktische Arbeit mit dem Roman durch diesen Hinweis nichts gewonnen. Für Religionspädagoginnen und Religionspädagogen kann bereits der Erfolg von Nichts Grund zu eingehender Beschäftigung mit diesem Buch sein, lässt sich doch hier viel über die Interessen, mehr noch: die Ängste und Sehnsüchte von Menschen heute erfahren.
  • In religionsdidaktischer Hinsicht schließlich ist vor einer unkritischen Adaption, deren Zerrbild Susanne Nordhofen entwickelt, nur zu warnen: „Man wird im Unterricht Plakate sehen, Rollenspiele bewundern, Betroffenheiten erleben. Die Gespräche werden intensiv, kontrovers und problemorientiert sein. Der Lehrer, die Lehrerin freuen sich über die hohe Beteiligung. Welcher Text böte mehr thematische ‚Trigger‘ als Janne Tellers Jugendbuch ‚Nichts‘? Sinn des Lebens, Gewissen, Bindungslosigkeit, Verantwortung, Empathie, Gruppendruck und Individualität, Sinn des Opfers, Bedeutung privater Sakralisierungen, Symbolik von Kreuz und Gebetsteppich.“ (Lonny-Platzbecker/Nordhofen, Eine Lektüre für die Schule, 64).

Es scheint mir angesichts solcher Unsicherheiten, wie sach- und schüler/innengemäß mit literarischen Texten umgegangen werden kann, eine mehrgleisige Strategie hilfreich: ein theologischer Lektüreversuch (der seinerseits methodisch abgesichert und literaturwissenschaftlich verantwortet sein muss und der die religionspädagogische Zeitdiagnostik einschließt), dann die Suche nach und Analyse von methodischen Vorschlägen, wie KJL in religiöse Lernprozesse eingebracht werden kann, schließlich die Analyse und Interpretation des elementaren Rezeptionsvorganges, ohne den Literatur nicht bestehen kann, den des Lesens und Imaginierens. Danach wäre nach Anschlussmöglichkeiten einer religionspädagogischen KJL-Didaktik an Konzepte ästhetischen Lernens ebenso zu suchen wie eine Verortung im Diskurs um Theologie und Literatur. Soviel zum weiteren Programm.

Tӕring, der Name des fiktiven Ortes, in dem die Geschichte spielt, heißt auf Deutsch übrigens „rosten“ oder „korrodieren“ (Janne Teller im Interview mit Susanne Gaschke in der Zeit). Und das ist auch schon eine erste Diagnose.

Warum Religionspädagoginnen und Religionspädagogen Kinder- und Jugendbücher lesen sollten – und was dieses Blog will

Religionspädagogik, die sich mit Kinder- und Jugendliteratur beschäftigt, verfolgt mehrere, noch genauer auszumessende Absichten. Sie betätigt sich sowohl im eigenen wie in fremden Interesse: als Hilfswissenschaft der Literaturwissenschaft und –didaktik kann sie wertvolle Hilfen für die Erschließung des religiösen Potentials von Literatur geben, im eigenen Interesse nicht nur Artikulationsformen religiöser Sprache heute entdecken, nicht nur – gewissermaßen – beim Beten zusehen (Thomas Nauerth schreibt: „Wie Beten geht, kann man daher in der Literatur gut studieren“: Beten erleben. Vom religionspädagogischen Nutzen der Kinder- und Jugendliteratur, rhs 54 [2011], 10-16, 11), sondern auch etwas über Lebenswelten und Interessen von Kindern und Jugendlichen erfahren, was soziologische Studien kaum vermitteln können (vgl. Georg Langenhorst, Religion in der Kinder- und Jugendliteratur. Wegmarken der Erforschung unter religionspädagogischer Perspektive, rhs 54 [2011], 2-9, 8f.). Darüber wird noch genauer zu sprechen sein. Dass Kinder- und Jugendliteratur Kinder und Jugendliche ansprechen will, dass auch das ihr geltende wissenschaftliche Interesse kein bloßer Selbstzweck ist, sondern der Kommunikation des Evangeliums (einen Begriff, den Norbert Mette von Ernst Lange und Johannes C. Hoekendijk übernimmt und präzisiert: Einführung in die katholische Praktische Theologie, Darmstadt 2005, 14-21) und der Freiheit der Kinder Gottes dienen will, grundiert alle theologische Arbeit. Religionspädagoginnen und Religionspädagogen, die sich für die Lebens- und Phantasiewelt ihrer Schülerinnen und Schüler interessieren und zugleich nach Möglichkeiten suchen, Religion zur Sprache zu bringen, finden in zeitgenössischer KJL ein ausgezeichnetes Medium. Nicht umsonst bietet Mittendrin, das von Wolfgang Michalke-Leicht und Iris Bosold herausgegebene Unterrichtswerk für den kath. Religionsunterricht am Gymnasium, im ersten Band ein ganzes Kapitel, welches – ausgerechnet – Jutta Richters Roman über den Hund mit dem gelben Herzen als Leitmedium bespricht (Mittendrin. Lernlandschaften Religion 1, hg. Von Iris Bosold und Wolfgang Michalke-Leicht, München 2007, 174-187).

Vieles von dem, was ich derzeit für diese Seiten plane, war einmal für eine Buchpublikation angedacht. In absehbarer Zeit sehe ich jedoch keine Möglichkeit, dieses Projekt zu realisieren. Dieses Blog soll deshalb aber kein zu kurz gekommenes Buch sein. Ich möchte vielmehr neben der Suche nach posttraditionalen religionspädagogischen Zugängen zu Kinder- und Jugendliteratur erkunden, ob das Medium Blog – auch für mich – als Organ, als Werkzeug religionspädagogischer Forschung taugt, ob die Strenge eines theologischen Gedankens mit dem zuweilen aphoristischen Stil, zu dem die Online-Publikation und -Lektüre einzuladen scheint, verträglich ist.

Dabei bietet das Blog Möglichkeiten ganz eigener Art, Forschung diskursiv anzulegen. Die leichte Zugänglichkeit und der Zwang zu Kürze und Prägnanz bieten die Chance, Theorie und Praxis weit stärker zu verzahnen als in der Schwerfälligkeit gedruckter Gedanken. Da über die Kommentarfunktion Leserinnen und Leser zur Aktivität eingeladen sind, sogar zu Ko-Autorinnen und Ko-Autoren des Textes werden können. Ob dieses Experiment gelingt, wird sich daran zeigen, ob es den Elan des Anfangs überdauert, ob sich Diskurse entwickeln, ob sich Theorie und Praxis miteinander verbinden lassen – letztlich daran, ob das Medium die Erwartungen, die ich mit ihm verbinde, für mich erfüllen kann.

Da lacht der Hund und nickt und denkt: So soll es sein!
Und denkt an Wolken und an Wind.
Und denkt an Urwald, Sandweg, Hecke und einen Beutel voller Hähnchenhaut für unterwegs.
Und weiß, das große Abenteuer fängt von vorne an.
‚Und morgen‘, sagt Prinz Neumann, ‚morgen gehen wir los!‘“ (Jutta Richter, Der Hund mit dem gelben Herzen, 110).

„Was hat das hier zu suchen?“ Religionspädagogik und KJL nach dem Traditionsabbruch

Es hat gedauert, bis die Religionspädagogik (wieder!) Interesse an der Kinder- und Jugendliteratur gefunden hat. Gustav Ott, auf den ich noch einmal zurückkommen muss, markiert gewissermaßen eine Wende: nach dem Abhandenkommen der Selbstverständlichkeiten begegnet ein Sprachspiel, das Religion im Verborgenen, merkwürdig gebrochen thematisiert. G. Ott ist eben nicht Gott, sondern zwingt den Lese- und Sprechfluss zu einer Unterbrechung, die das „beladenste aller Menschenworte“, so Martin Buber, aufbricht, verfremdet und neu in den Diskurs einspielt. Zugleich zeigt der Roman, welches ungeheure Angebot religiöse Tradition bereit hält: Gustav Ott, der Abbilder, Freunde erfindet, vult habere alios condiligentes, schrieb Johannes Duns Scotus (1265-1308) – wollte jemanden, der mit ihm lieben kann. Dass zu dieser Liebe Freiheit gehört, dass man niemanden zur Freundschaft zwingen kann, dass das Projekt von Liebe und Freundschaft das größte und zerbrechlichste ist, was Menschen wagen können, kann man bei Jutta Richter in der Sprache unserer Zeit lesen und lernen, was G. Ott vielleicht damit zu tun haben könnte.

Das neue Interesse der Religionspädagogik für eine religionsaffine Kinder- und Jugendliteratur nach dem sogenannten Traditionsabbruch deutete sich bereits in den Diskussionen um die Harry-Potter-Romane von Joanne K. Rowling im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts an. Dass damals neben seriösen Beiträgen namhafter Theologinnen und Theologen auch äußerst bizarre Beiträge zu konstatieren waren, darf noch einmal ausdrücklich in Erinnerung gerufen werden. Schließlich unterstreichen die Beiträge (die zum Beispiel in den Romanen Anleitungen zu magischen Praktiken sahen) die posttraditionale Missverständlichkeit von Religion, die in der Reihe ausdrücklich thematisiert. Harry Potter, die Hauptfigur, selbst versteht im siebten und letzten Band der Reihe das Zitat aus 1 Kor 15,26 auf dem Grabstein seiner Eltern nicht (bzw. falsch). Er wird von seiner Freundin Hermine zwar korrigiert, die neue Information bleibt aber folgenlos (vgl. Markus Tomberg, Am Anfang war immer noch das Wort gewesen … Religiöse Spuren in aktueller Kinder- und Jugendliteratur, in: kjl&m 60 2009, 53-60 ; aktuelle Neuerscheinung: Astrid Dinter, Kerstin Söderblom [Hgg.], Vom Logos zum Mythos. „Herr der Ringe“ und „Harry Potter“ als zentrale Grunderzählungen des 21. Jahrhunderts. Praktisch-theologische und religionsdidaktische Analysen, Reihe: Ökumenische Religionspädagogik Bd. 2, Berlin/Münster 2011):

„‚Der letzte Feind, der zerstört wird, ist der Tod …’ Ein schrecklicher Gedanke kam ihm, in einem Anflug von Panik. ‚Ist das nicht eine Vorstellung von den Todessern? Was hat das hier zu suchen?’
‚Es bedeutet nicht, dass der Tod so besiegt wird, wie die Todesser es meinen, Harry’, sagte Hermine mit sanfter Stimme. ‚Es bedeutet … du weißt schon … über den Tod hinaus leben. Leben nach dem Tod.’“ (Joanne K. Rowling, Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Hamburg 2007, 337)

Kinder- und Jugendliteratur, die sich dem Phänomen Religion zuwendet –und sie tut dies in überraschender Häufigkeit! –, thematisiert Religion aus überraschender Perspektive. Überraschenden und unkonventionellen Perspektiven ist es aber zu Eigen, alte Sehgewohnheiten zu durchbrechen und so neue Einsichten zu ermöglichen – es müssen ja nicht gleich magische sein!

Diese Einsichten sind methodisch aber nicht ganz leicht zu erheben, noch weniger didaktisch fruchtbar zu machen. Es fehlen Kategorien und Kriterien, die aktuelle Kinder- und Jugendliteratur religionspädagogisch erschließen und praktisch fruchtbar zu machen erlauben würden. Über mehrere Jahre war die religionspädagogische Erforschung der Kinder- und Jugendliteratur ein Forschungsdesiderat. „Die Hoch-Zeit der religiösen Kinder- und Jugendbuchforschung lag sicherlich um das Jahr 1980. Eine neue Sichtung aus heutiger Perspektive … wäre ein wichtiger Beitrag zur Gesamtdiskussion um Religionspädagogik und Literatur. Neu zu leisten wäre dabei vor allem der bislang weitgehend unterbliebene Versuch, die spezifische Betrachtung von Kinder- und Jugendliteratur mit dem allgemeinen Diskursen um ‚Theologie und Literatur‘ zu verbinden“, betonte Georg Langenhorst 2005 (Langenhorst, Theologie und Literatur. Ein Handbuch, Darmstadt 2005, 202).

Erste Ansätze zu einer solchen Sichtung sind inzwischen erfolgt. Vor allem ist dabei der eben genannte Ausgburger Religionspädagoge Georg Langenhorst zu nennen, der neben einem Praxisbuch (Literarische Texte im Religionsunterricht: Ein Handbuch für die Praxis, Freiburg 2011), das das Thema der KJL streift und das Problem der religionspädagogischen Literaturrezeption in einem kompetenzorientierten Unterricht ausmisst, auch einen Sammelband herausgegeben hat, der eine Bestandsaufnahme der bisherigen theologischen Forschungen zur Kinder- und Jugendliteratur versucht (Gestatten: Gott! Religion in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart, München 2011). Der letztgenannte Band enthält eine umfangreiche Forschungsbibliographie, die in Kürze auch online über ein Internetprojekt, ein Schwesterprojekt der Seite theologie-und-literatur.de, verfügbar sein wird.

G. Ott zum Gruße

„EINMAL, UND DAS IST LANGE HER, habe ich Gustav Ott getroffen. Zufall, reiner Zufall. Vor mir der Sandweg, rechts eine hohe Hecke, links der dunkle Urwald. Müde war ich. Hungrig war ich. Und es wurde Nacht. Ob ich Tage oder Wochen gelaufen war, wusste ich nicht mehr. Ich wusste nur, ich war niemandem begegnet. Öde Gegend. Urwald, Sandweg, Hecke, immer nur Urwald, Sandweg, Hecke. Das ging tagelang geradeaus und nahm kein Ende. Paarmal hatte ich geglaubt, da wäre ein Loch in der Hecke. War aber nicht. Also weiter, dachte ich, muss ja irgendwann aufhören: Urwald, Sandweg, Hecke. Kann ja nicht alles sein im Leben, was man sieht.“ (Jutta Richter, Der Hund mit dem gelben Herzen oder die Geschichte vom Gegenteil, München 2000, 20 [Originalausgabe: München/Wien 1996])

Wo und wann ich Gustav Ott zum ersten Mal begegnet bin, weiß ich nicht mehr genau. Es muss eine Buchbesprechung irgendwo in einem Feuilleton gewesen sein; dann, und da wird meine Erinnerung genauer, war es eine religionspädagogische Arbeitshilfe (Hannelore Richter, Der Hund mit dem gelben Herzen, in: entwurf 2002-1, 55-64, Materalien online), schließlich der Versuch, mit Jutta Richters Buch im Unterricht neue Wege zu gehen und die Spannkraft, die Gustav Ott innewohnt, mit Schülerinnen und Schülern zu erleben.

Mit Gustav Ott, dem großen Erfinder, betrat, so Gundel Mattenklott, ein neuer Protagonist die Bühne der zeitgenössischen Kinder- und Jugendliteratur (Gundel Mattenklott, G. Ott, ein neuer Protagonist in der Kinder- und Jugendliteratur, in: Deutschunterricht 51 [1998], 294-303). Der Hund mit dem gelben Herzen ist ein Buch, angefüllt mit dem, was seine Heimstatt in den Religionen hat, das die Grenzen des binnenreligiösen Diskurses souverän sprengt. Es ist frei von im schlechten, weil bevormundenden Sinne katechetisierenden Impulsen, voller Phantasie und Anregungen zum Wagnis eigenständigen Denkens. Wer ist dieser eigenartige G. Ott? Wer sein Freund Lobkowitz? Warum ähnelt G. Ott Opa Schulte, in dessen Schuppen die Geschichte spielt, der aber keine Hunde mag? Warum hat G. Ott die Ratten erfunden? Dass Hunde sprechen können (und Katzen bei Jutta Richter ohnehin), wundert nur diejenigen, die Fremdsprachenkenntnisse für eine menschliche Errungenschaft halten. Der Hund mit dem gelben Herzen führt mitten hinein in die großen Fragen, die in der posttraditionalen Gesellschaft keine allgemeingültigen Antworten mehr finden – und verweigert sich der Eindeutigkeit. Und das trotz klarer Anlehnungen an die Tradition des biblischen Schöpfungsglaubens. Kinder- und Jugendliteratur entwickelt in Gustav Ott ein riesiges Potential, Leserinnen und Leser mündiger werden zu lassen aus dem Sinnvorrat christlicher Tradition, der sich offensichtlich noch nicht „er-schöpft“ hat.

Und dann sah ich den Küchenschrank! Wahnsinn! Der Schrank hatte sieben Türen, und auf jede Tür war ein Bild gemalt. Und was für Bilder! Ich sah Felsen und Schluchten. Ich sah Stürme und Überschwemmungen. Ich sah Blitze und Eismeere und Urwälder. Und Sterne und Sonne und Mond und eine wunderschöne blaue Kugel vor einem Hintergrund, der unendlich schwarz und einsam war. Das siebte Bild jedoch zeigte den Garten, durch den ich gelaufen war, mit allen Blumen, Quellen und Obstbäumen. Und mehr noch: Ich konnte auf dem Bild auch Schmetterlinge, Vögel und Schafe erkennen, die ich draußen nicht bemerkt hatte. (Richter 2000, 24f.)

Ich freue mich, wenn Sie gemeinsam mit mir erkunden möchten, wo Kinder- und Jugendliteratur (übrigens auch für Erwachsene) zur Sehhilfe wird von etwas, was man „draußen nicht bemerkt hatte“. G. Ott zum Gruße!