“Sechs Prozent Zinsen” (Michael Ende, Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch)

“Bei den Menschen – ich sag dir – da is’ Geld überhaupt der springende Punkt. Speziell bei solchen wie deinem Maestro und meiner Madam. Für Geld tun sie alles und mit Geld können sie alles machen. Es is’ ihr schlimmstes Zaubermittel, das is’ es.” (ebd., 54).

Religionspädagogik ist als Fachdidaktik des Religionsunterrichts, folgt man der geläufigen Unterscheidung von Jürgen Baumert, Fragen konstitutiver Rationalität verpflichtet: Religion gehört, dies ist die erste Folgerung, die sich mit dieser Zuschreibung verbindet, schon deshalb in die Schule, weil nur durch sie Fragen thematisiert werden, die kein anderes Fach, keine andere Wissenschaft in dieser Form zur Sprache bringen kann, die Philosophie vielleicht ausgenommen. Das setzt voraus, dass die Fachdidaktik des Religionsunterrichts Wege findet, die die Frage nach dem, was unsere Wirklichkeitsauffassung bestimmt, überhaupt erst zu wecken vermögen.

Offensichtlich bietet phantastische Literatur dazu gute Ansätze. In pointierter Abweichung von den Standards der Lebenswelt eröffnet sie neue Perspektiven auf Erfahrungen. Geld als Zaubermittel, sechs Prozent Zinsen (Ende, Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch. 151) als eine Art Lebenselixier – das erinnert an Walter Benjamins Analysen zum Kapitalismus als Religion:

“Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, d.h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben.” (Walter Benjamin, Kapitalismus als Religion [Fragment], in: Gesammelte Schriften, hg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Bd. 6, Frankfurt/M. 1991,  100).

Folgt man den Überlegungen Thomas Rusters, bietet die Omnipräsenz des Religion gewordenen Kapitalismus keinen Anknüpfungspunkt mehr für die Perspektive jüdisch-christlicher (Tora-)Rationalität. Den Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler, so sein oft zitiertes und beinahe auch ebenso oft kritisiertes korrelationskritisches Diktum, sei nicht zu trauen (vgl. Thomas Ruster, Der verwechselbare Gott. Theologie nach der Entflechtung von Christentum und Religion [= QD 181], Freiburg u.a. 2000, 200).

Phantastische Literatur eröffnet – Endes satanarchäolügenialkohöllischer Wunschpunsch ist da nur ein Beispiel unter vielen, erwähnt habe ich hier auch schon Rowlings Harry Potter oder Tellers Nichts, Boies Der durch den Spiegel kommt oder Richters Hund mit dem gelben Herzen – durch wohldosierte Distanz zur Wirklichkeit die Möglichkeit der Kritik, die sogar totalitäre Strukturen dechiffriert:

“Was das Leben von Schwarzmagiern so überaus anstrengend und ungemütlich macht, ist der Umstand, dass sie alle Wesen, ja sogar auch die einfachen Gegenstände in ihrem Machtbereich ständig und bis ins Letzte unter Kontrolle haben müssen. Sie dürfen sich im Grunde keinen Augenblick der Unaufmerksamkeit oder der Schwäche erlauben, denn all ihre Macht beruht ja auf Zwang.” (Michael Ende, Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch, Ausgabe München 2005, 166).