Kennst du den Text?

Geschichten gehören zu Weihnachten: kitschige oder satirische, besinnliche oder kritische, fromme oder solche, die, mehr oder weniger bemüht, mehr oder weniger erfolgreich, versuchen, dem Fest alternative Deutungen mitzugeben. Geschichten gehören zu Weihnachten vielleicht vor allem deshalb, weil das Fest in einer Geschichte seinen Grund findet: mit einer Geschichte versucht Lukas, die Bedeutung Jesu, des Messias, herauszuarbeiten.

„Als wir am Fluss wohnten, gab es noch richtige Winter“, so beginnt Jutta Richter eine kurze Bilderbuch-Weihnachtsgeschichte (Jutta Richter, Als ich Maria war, ill. von Jacky Gleich, München 2010) und intoniert mit wenigen Worten das Gefühl vorweihnachtlicher Erinnerung. Die Ich-Erzählerin trägt keinen Namen und ist auf den Bildern zunächst nur von hinten zu sehen. Man erfährt, dass sie „gerade erst hierhergezogen“ ist und sie als die Neue in der Klasse noch keinen richtigen Platz gefunden hat. Im Gegenteil:

„Alle haben gelacht, als Lehrer Hanke mich zum Schaf machte. Das passt zu dir, hat Brigitte Sulot gekichert. Ein schwarzes Schaf …“ (Richter/Gleich, Als ich Maria war, nicht paginiert).

Außenseiterin sein fühlt sich nicht gut an, nicht beim Krippenspiel, für das die Klasse probt, und sonst auch nicht. Wünsche gibt es dennoch.

„Ich wäre trotzdem lieber ein Hirte, und noch lieber wäre ich die Maria. Aber die werde ich nie sein können, weil Mama mir immer die Haare abschneidet“ (ebd).

Aber es gibt auch die unschöne, meist stärkere Wirklichkeit.

„In der großen Pause machen sie eine Schneeballschlacht, und ich bin das Ziel. Lehrer Hanke hat die Pausenaufsicht. Er lehnt an der Schulmauer, beißt in sein Butterbrot und sieht weg“ (ebd.).

Die Ich-Erzählerin resigniert.

„Am meisten fürchte ich mich vor dem 24. Dezember. Dann führen wir das Krippenspiel in der Kirche auf, in der Vorabendmesse“ (ebd.).

Erst, nachdem die Geschichte so weit entwickelt ist, geben Jutta Richters Text und die zugehörige Illustration von Jacky Gleich den tieferen Blick frei. Es ist gar nicht das Zugezogen-Sein, das Neu-Sein, das Am-Fluss-Wohnen allein, dass die Erzählerin zur Außenseiterin werden lässt. Hinter diesen tastenden Umschreibungen findet sich eine weitere, eine höchst aktuelle Geschichte.

„Als ich noch klein war, habe ich geglaubt, ich müsste mich mit Schnee waschen, um so weiß zu werden wie die anderen Kinder. Aber Mama hat gesagt, das wäre Blödsinn und sie fände es schön, das ich dunkel wäre. Sie hat dunkel gesagt, dabei bin ich schwarz“ (ebd.).

Jetzt ist auch in den Bildern die Erzählerin von vorn zu sehen – und noch einmal wendet sich die Geschichte.Beim Krippenspiel wartet Lehrer Hanke schon auf sein „schwarzes Schaf“:

„Zieh dich um! Du musst die Maria spielen! Kannst du den Text?“ (ebd.)

Kennst du den Text, möchte ich falsch zitieren? Den Text, der hinter dem heimeligen Text steht? Der, den man liest, wenn man das Gewohnte, das Immer-schon-Intonierte, das Romantisch-Besinnliche beiseite schiebt? Den Text, von dem auch Lukas erzählt?