Familienbilder

In anderem Zusammenhang bin ich auf Veränderungen im Selbstverständnis von „Familie“ aufmerksam und bei der Suche nach literarischen Spiegelungen dieses Verständnisses fündig geworden. Die – zufälligen – Beobachtungen dazu möchte ich kurz vorstellen. Sie beginnen mit Gottfried Kellers Roman Der grüne Heinrich in der zweiten Fassung von 1879/80. Darin heißt es:

„Diese nüchterne Mittelstraße [sc. des Geschmacks der Speisen] langweilte mich, der ich meinen Gaumen dann und wann anderswo bedeutend reizte, und ich begann, über ihre Mahlzeiten eine scharfe Kritik zu üben, sobald ich satt und die letzte Gabelvoll vertilgt war. Da ich mit meiner Mutter immer allein bei Tisch saß und sie lieber auf Gespräch und Unterhaltung dachte als auf ein genaues Erziehungssystem, so wies sie mich nicht kurz und strafend zur Ruhe, sondern widerlegte mich mit Beredsamkeit und stellte mir hauptsächlich vor, auf Menschenschicksale und Lebensläufe übergehend, wie ich vielleicht eines Tages froh sein würde, an ihrem Tische zu sitzen und zu essen; dann werde sie aber nicht mehr da sein.“

Leider habe ich gerade keine zitierfähige Ausgabe dieses Werks zur Hand und begnüge mich daher mit dem Hinweis, dass die zitierte Passage sich gleich zu Beginn, im 4. Kapitel des ersten Teils, findet. Bemerkenswert vor dem Hintergrund, dass die Familie als Gemeinschaft von Eltern und Kindern (im Gegensatz zum bis ins 18. Jahrhundert gebräuchlichen „Haus“) zu diesem Zeitpunkt eine junge Entwicklung darstellt, ist die Tatsäche, dass Keller hier das Gespräch und die Verhandlung über die Gestaltung des Familienalltags darstellt. Familie zeigt sich als ein Bereich des menschlichen Zusammenlebens, innerhalb dessen Muster des Miteinander nicht mehr einfach reproduziert, sondern aktiv gestaltet, hier: ausgehandelt werden.

Diese Autonomie des Familienlebens hat recht schnell weitere Konsequenzen. Sie finden ihren Niederschlag beispielsweise bereits in Theodor Storms Novelle Späte Rosen, 1860 erstmals veröffentlicht und damals – etwa von Fontane -, wegen ihres Plädoyers für Sinnlichkeit als durchaus pikant empfunden. Interessant im mich interessierenden Zusammenhang ist folgende Episode, in der Rudolph, erfolgreicher Geschäftsmann und den Neuerungen der Industrialisierung gegenüber sehr aufgeschlossen, nach fünfzehn Ehejahren seine Frau auf ganz neue Weise sehen lernt:

„Da plötzlich, während mein Herz von Reue und von vergeblicher Sehnsucht zerrissen wurde, überkam mich ein Gedanke unzweifelhaften, unaussprechlichen Glückes. Sie, die das [sc. Portrait einer jungen Frau] einst gewesen war, sie selber lebte noch; sie war in nächster Nähe, ich konnte schon jetzt, in diesem Augenblick noch bei ihr sein … Und wie sie in dem weißen Morgenkleide in ihrer mädchenhaften Weise neben mir ging, mit ihren stillen Augen mich fragend und erstaunt betrachtend, wie ihre Hand so leicht und hingegeben in der meinen lag, da konnte ich nicht erwarten, mich anbetend vor ihr niederzuwerfen; denn alle Leidenschaft meines Lebens war erwacht und drängte ihr entgegen, ungestüm und unaufhaltsam.“ (Theodor Storm, Sämtliche Werke in vier Bänden, Bd. 1, Darmstadt 1998, 437.)

Familie, und hier mehr noch: die Ehe begegnet als Erfahrungsort von Transzendenz, ohne dass ein Bezug zu Religion und Kirche außerhalb hergestellt werden muss. Familie wird zum religiösen Erfahrungsort sui generis – übrigens fast genau in dem Moment, in dem sich die traditionelle Religiosität für diesen modernen Lebensort zu interessieren beginnt und in Gestalt der Verehrung de Heiligen Familie eine bemerkenswerte Sensibilität für das, was an der Zeit ist, erkennen lässt (nebenbei bemerkt: diese Sensibilität bleibt weitgehend folgenlos, weil sie den Erfahrungsraum Familie mit einem Idealbild von Familie konfrontiert, ohne die Eigengesetzlichkeit der realen Familie wahrzunehmen).

Ein halbes Jahrundert später, in Thomas Manns Roman Buddenbrooks, wird die Ambivalenz des Lebensortes Familie durchdekliniert: es ist die Geschichte eines Verfalls. Familie hält den Anforderungen autonomer Lebensgestaltung nicht stand, in der Figur des jungen Hanno Buddenbrook zeigt sich ihre Krankheit.

Ich beende diese Blütenlese mit einem großen Sprung in Tamara Bachs schon mehrfach genannter Erzählung Was vom Sommer übrig ist aus dem Jahr 2012. Auch hier begegnen Familiengeschichten, gleich zwei, die von Luise und Jana – und Motive, die bereits das Familienbild der Buddenbrooks prägten, begegnen hier noch viel intensiver. Janas Familie ist tot – in Gestalt des Bruders Tom, in Gestalt der zerbrochenen Ehe der Eltern, in Gestalt des Desinteresses der Eltern an dem, was Jana wichtig ist. Und auch Luises Familie, rational durchorganisiert und auf Erfolg getrimmt,

„im Schatten vom Krankenhaus und neben dem Friedhof“ (Bach, Was vom Sommer übrig ist, 118)

ist ohne Zukunft:

„Und das Schlimme ist, dass es weitergeht.“ (Bach, Was vom Sommer übrig ist, 126)

Soviel der Spurensuche – und die religionspädagogische Anmerkung, dass Familie und Familienbeziehungen für die christliche Gottesrede („Vater unser …“) konstitutiv sind, die Geschichte von Familie und Kirche dagegen von Anfang an prekär, seit 200 Jahren und der Konstitution der neuzeitlichen Familie sogar desaströs verlaufen sind.

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