„Dabei gibt’s ihn doch gar nicht, den Grüffelo“ (Scheffler/Donaldson, Der Grüffelo)

Zahlreiche Bilderbücher entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als literarische Kostbarkeiten. Maurice Sendaks Wo die wilden Kerle wohnen [üb. Claudia Schmölders; div. Ausgaben] ist so eine Kostbarkeit, oder, und um den soll es gehen, der Grüffelo (Axel Scheffler / Julia Donaldson, Der Grüffelo, üb. Monika Osberghaus, Weinheim 2002).

Erzählt wird die Geschichte einer Maus, die sich gegen verschiedene Fressfeinde dadurch zur Wehr setzt, dass sie ihnen von ihrem mächtigen Freund, dem schrecklichen Grüffelo, erzählt. Ihre Schilderungen sind so plastisch, dass sie sowohl den Fuchs, die Eule als auch die Schlange in die Flucht schlägt. Jede Episode endet mit einem heimlichen Lachen. Die Feinde fürchten sich, Maus (und Leser) sind sich dagegen einig:

„Dabei gibt’s ihn doch gar nicht, den Grüffelo!“ (Scheffler/Donaldson, Der Grüffelo, o.S.)

So weit, so gut. Würde nicht die Maus auf eben dieses Tier treffen, von dessen Nichtexistenz sie bis dahin überzeugt war:

„‚O Schreck, o Graus, ich fürcht mich so,
es gibt ihn doch, den Grüffelo'“
(Scheffler/Donaldson, Der Grüffelo, o.S.)

Doch wieder weiß sich die gewitzte kleine Maus Rat. Sie erzählt dem Grüffelo von der Angst, die sie selbst im Wald verbreitet, und führt den Grüffelo herum. Fuchs, Eule und Schlange begegnen ihr ein zweites Mal, und das ungleiche Paar verbreitet tatsächlich Angst und Schrecken. Auch dies so überzeugend, dass die Maus schließlich den Grüffelo selbst in die Flucht schlägt:

„‚Tja‘, sprach da das Mäuschen, ‚was sagte ich dir:
Alle Tiere im Wald haben Angst vor mir.
Und jetzt hab ich Hunger, mir knurrt schon der Magen.
Grüffelogrütze könnt ichheut gut vertragen!'“ (Scheffler/Donaldson, Der Grüffelo, o.S.)

Dass die vermeintliche Nichtexistenz eines Fabelwesens, das sich dann zugleich als äußerst machtvoll wie dumm erweist, das religionspädagogische Interesse wecken muss, wird aus der knappen Nacherzählung vermutlich leicht einsichtig. Ein Wesen, eine Art Deus ex machina (vgl. die einschlägigen Überlegungen zum religiösen Urteil von Fritz Oser und Paul Gmünder) in Gestalt des Grüffelos wird da präsentiert, der sich auch noch die Freiheit nimmt, tatsächlich zu erscheinen. Und im zweiten Schritt wird diese irritierende Macht dadurch gebändigt, dass ihre vermeintliche Macht gegen sie selbst gewendet wird.

Axel Scheffler und Julia Donaldson erzählen mit Der Grüffelo eine Geschichte der Selbstbehauptung gegen bedrohliche numinose Mächte, deren Nichtexistenz nicht garantierbar ist. Entwicklungspsychologisch pünktlich, in der Lösung eine Herausforderung, spielt die Geschichte mit der Macht von Geschichten, die sich nicht dahingehend einschränken lässt, dass die Erzähler/innen nach Gutdünken über sie verfügen können. Geschichten können sich auf überraschende Weise gerade dann als wahr erweisen, wenn mit dieser Wahrheit aus vernünftigen Gründen nicht gerechnet wird. Solche Geschichten stellen das Vernunftkonzept, das durchschnittlicher Welterfahrung zu Grunde zu liegen scheint, in Frage, plädieren für die Brüchigkeit der Realität. Diese Brüchigkeit ist nicht kindlicher Erfahrung geschuldet, die das Numinose überall vermuten kann, sondern konstitutiv für unsere Wirklichkeit überhaupt. Das Brüchige, das Kontingente begegnet bei Scheffler und Donaldson in der Gestalt des Grüffelo, es lässt sich für die kleine Maus durch einen Akt verzweifelten Mutes bändigen (mit einem interessanten Perspektivenwechsel in dem Fortsetzungsbilderbuch Das Grüffelokind, ebenfalls von Axel Scheffler und Julia Donaldson, üb.  Monika Osberghaus, Weinheim 2007), aber nicht integrieren.

Scheffler und Donaldson spielen mit Formen des Glaubens in einer abgründigen Realität. Besonders kennzeichnend dafür eine kleine Szene aus diesem gerade genannten Fortsetzungsband:

„‚Die lügen doch alle!'“, ruft das Grüffelchen nun
und setzt sich hin, um sich auszuruhn.
‚Ich glaub nicht mehr an die böse Maus …'“ (Scheffler/Donaldson, Das Grüffelokind, o.S.)

Doch ist mit diesem Bekenntnis zum Nicht-mehr-Glauben die Gefahr, das Irritierende nicht bewältigt. Wie die Maus im ersten muss das Grüffelokind im zweiten Band vor der Erzählung und ihren Implikationen in der Realität kapitulieren. Es findet zwar heim zur Grüffelohöhle, jedoch:

„Der Mut fehlt dem Grüffelokind jetzt sehr,
aber langweilig ist es ihm auch nicht mehr.“ (Scheffler/Donaldson, Das Grüffelokind, o.S.)

Es bleibt dabei: das Andere, Nichtintegrierte ist ein Moment der Realität. Man kann mit ihm umgehen lernen, man muss es, wenn man bestehen will. Aber man kann sich ihm nicht auf Dauer verweigern. Und dies gilt nicht nur für Kinder. Indem Scheffler und Donaldson die Bedrohung durch den Grüffelo (im ersten Band: Der Grüffelo) als Moment von Begegnungen deuten, legen sie ein Grundmoment menschlicher Beziehungen frei. Die Angst, den Anderen nicht trauen zu können, transformiert Der Grüffelo in die Gestalt eines Fantasieungeheuers, das entdeckt, dass es selbst dieser Angst ausgeliefert ist. Es ist diese Angst, die Realität brüchig werden lässt.

Scheffler und Donaldson geben auf diese Angst keine letzte Antwort – darin liegt die Stärke der beiden Bilderbücher. Am Ende des zweiten Bandes findet die Geschichte und die in ihr mitgeteilte Bedrohung nur ein vorläufiges Ende:

„Und der Grüffelo?
Der schnarcht weiter drauflos …“
(Scheffler/Donaldson, Das Grüffelokind, o.S.)

Doch eine schlafende Bedrohung kann, nein: wird irgendwann wieder erwachen. Durch Realitätsverweigerung (wie beim den Glauben an die Gefahr verweigernden Grüffelokind) lässt sich sich nicht besänftigen. Versöhnung deutet nur das Bild an: Der Grüffelo und das Kind schlafen, eng aneinander geschmiegt, in ihrer Höhle, an deren Wand Maus, Eule, Fuchs und Schlange gezeichnet sind, während die „echte“ Maus draußen im sicheren Abstand seine Nuss knackt. Ein schlafender Grüffelo, der sein Kind hütet, stellt keine Gefahr dar. Vorerst.