„Ich habe überlegt, ob ich dem Autor das schreiben sollte“ (K. Boie, Der Junge, der Gedanken lesen konnte)

In Kirsten Boies Erzählung Der Junge, der Gedanken lesen konnte (Hamburg 2012) befindet sich der Friedhof gewissermaßen gleich nebenan.

„Ich bin also nach links gegangen, wegen Mesut; und weil die Sonne schon jetzt am Vormittag so hoch stand, dass die Schatten scharf und schwarz und kurz waren, war ich froh, dass nur wenige Schritte hinter den Häusern plötzlich ein schmaler Sandweg begann: Der verlief zwischen Sträuchern und Bäumen und da war es kühler.“ (Boie, Der Junge, der Gedanken lesen konnte, 17)

Es ist ein Ort, der mit Valentins

„Sehnsucht“ (Boie, Der Junge, der Gedanken lesen konnte, 18)

zu tun hat, ein Ort zugleich, an dem die Gesetze und Normalitäten der Erfahrungswelt auf eigenartige Weise nicht mehr gelten.

„An der linken Seite des Weges konnte ich jetzt ein undeutliches Rauschen hören, und als ich mich hingekniet habe, floss da ein winzig schmaler Bach, der war so überwuchert von Sumpfdotterblumen und Farn und Felberich und Pestwurz (die kannte ich natürlich von Babuschka), dass man ihn überhaupt nicht mehr sehen konnte; und auf der rechten Seite wuchs eine kleine Böschung aus dem Weg mit Sträuchern wie in einem Dschungel. Aber dahinter hab ich einen schäbigen Maschendrahtzaun gesehen, und das fand ich in so einer Wildnis nun doch überraschend.“ (Boie, Der Junge, der Gedanken lesen konnte, 18)

Dass hinter diesem Dschungel ein Friedhof liegt, verrät der Text erst einige Seiten später. Und doch ist der zitierte Abschnitt bereits voller Anspielungen: die genannten Pflanzen werden (wenn ich richtig recherchiert habe) als Heilkräuter verwendet, der Bach erinnert an das mythologische Bild des Flusses, der die Welt der Lebenden von der Welt der Toten in verschiedenen Kulturen trennt.

Mich hat die Szene zudem an Jutta Richters Hund mit dem gelben Herzen erinnert und an den Dreiklang von Urwald, Sandweg und Hecke, in dem sich – ebenso unerwartet wie der Maschendrahtzaun in der Wildnis, in den

„ein kleines Tor … eingelassen war“ (Boie, Der Junge, der Gedanken lesen konnte, 19) –

der Garten von G. Ott befindet. Gärten fungieren hier als Orte der Begegnung mit dem Außergewöhnlichen, als Orte der Begegnung mit Transzendenz. Darüber hinaus eröffnen sie im Kontext der Schule didaktische Chancen.

Es ist jedenfalls nicht abwegig, nach Möglichkeiten zu suchen, mit Hilfe der Erzählung von Kirsten Boie fächerverbindend zu arbeiten. Gerade der Religions- und der Deutschunterricht könnten von einer Zusammenarbeit profitieren, bietet doch Boies Buch selbst schon Verweise auf Krimiserien für Kinder und Jugendliche und problematisiert den üblichen Aufbau und die übliche Personenkonstellation

„Die Kinderbande hätte damit bestimmt kein Problem gehabt, sie hatten ein Superhirn dabei und einen Dicken, der immerzu Ökoriegel aß und sich mit Computern auskannte, und ein Mädchen, das sie für geheime Zwecke einsetzen konnten.“ (Boie, Der Junge, der Gedanken lesen konnte, 51),

die sich in einem gemeinsamen Leseprojekt thematisieren lassen (bei dem dann auch die mythologischen Anspielungen, die Gartenfrage, in Verbindung mit der Biologie sogar die Kräuter berücksichtigt werden könnten). Solche Projekte verhindern, dass der schulische Religionsunterricht in eine das religiöse Lernen erschwerende Sonderstellung gerät, als wäre sein Gegenstand in einer Wirklichkeit zu suchen, die anderen Unterrichtsfächern fremd, gar unwirklich bleibt. Und Der Junge, der Gedanken lesen konnte ist sicher nicht das schlechteste Buch für gemeinsame Unterrichtsprojekte.

„Jungfrau Maria ist Mutter von Jesus“ (K. Boie, Der Junge, der Gedanken lesen konnte)

Gedanken lesen können – der Titel des neuen „Friedhofskrimis“ von Kirsten Boie hat, ehrlich gesagt, eine große Portion Skepsis in mir hervorgebracht und mich unangenehm an ein Kinderbuch, das ich selbst als Kind gelesen habe (Die flüsternde Kette von Dieter Rotteck, Wien 1979), erinnert: dort kann der Protagonist, wenn ich mich richtig erinnere, mit Hilfe einer Fahrradkette direkt in die Gedanken anderer Menschen hineinschauen, versteht sie unmittelbar und löst mit Hilfe dieser Fähigkeit einen Kriminalfall. Dieses Konzept war mir schon damals zu einfach.

Doch Der Junge, der Gedanken lesen konnte. Ein Friedhofskrimi (Bilder von Regina Kehn, Hamburg 2012) ist angenehm anders. Nicht nur, dass das Gedankenlesenkönnen sparsam eingesetzt und schon gar nicht als textgebundene Informationsweitergabe interpretiert wird, sondern als das Sich-Einfühlen in Bilder und Gefühle. Sondern weil die Fähigkeit, die Valentin, Migrantenkind aus Kasachstan, der jetzt mit seiner Mutter in Deutschland lebt, bei sich entdeckt, metaphorische Qualität hat. Wer Gedanken lesen kann wie Valentin, kann Fassaden durchschauen, hinterfragt Vordergründiges.

Zentraler Handlungsort der Geschichte ist der Friedhof, den Valentin entdeckt, als er durch die Stadt streift, in die seine Mutter und er gerade umgezogen sind – die Umzugskisten sind noch nicht alle ausgepackt. Dieser Ort bringt Valentin mit ungewöhnlichen Personen zusammen: mit Dicke Frau, ihrem Einkaufswagen und ihrem Dialog mit der Jungfrau und Mutter Maria:

„‚Da kommt doch kein Mensch hoch, Heilige Jungfrau!‘, hat sie gejammert. ‚Mach was, Maria, mach was, du Arschloch!'“ (Boie, Der Junge, der Gedanken lesen konnte, 19)

Mit Bronislaw, dem Friedhofsgärtner und Polen, der das Problem, wie eine Jungfrau Mutter sein kann, locker löst.

„‚Jungfrau Maria ist Mutter von Jesus!‘, hat Bronislaw zu Herrn Schilinsky gesagt. ‚Ist sich doch ein und dieselbe Person, Herr Schilinsky. Ist klar?'“ (Boie, Der Junge, der Gedanke lesen konnte, 43)

Mit den Schilinskys, die sich ein Grab gekauft haben für später, aber auch für jetzt, und es als Schrebergarten nutzen: in ständigen Konflikt mit der Friedhofsverwaltung, aber heimlich geduldet von Bronislaw.

Der Friedhof bringt es mit sich, dass der Tod in dieser Geschichte sehr nahe kommt: Bronislaw zunächst, den Valentin in einer Blutlache findet, den Schilinskys natürlich, Herrn Schmidt, der seine Else auf dem Friedhof besucht. Mesut, der im gleichen Haus wohnt wie Valentin, trauert um seine Uroma. Dicke Frau ist über den Tod ihres Sohnes nicht hinweggekommen. Und Valentin?

Valentin erahnt die Trauer über den Tod bei Dicke Frau und Mesut, er sieht Bilder, die er nicht versteht, und fühlt Gefühle, die ihn selbst berühren.

„Die Bilder waren ein fröhlicher Film. Eine alte Frau hat gelacht und hinter einem Jungen hergerufen. Das Dorf sah völlig anders aus als alle Dörfer, die ich bisher gesehen habe. In Deutschland war das jedenfalls nicht und auch nicht in Kasachstan, und was die alte Frau gerufen hat, konnte ich auch nicht verstehen. Vielleicht war es Türkisch. Zwischen den Häusern sind Kinder herumgetobt und haben Fangen gespielt. Sie haben gelacht und gekreischt, wenn einer einen anderen erwischt hat, und die Sonne hat noch schlimmer vom Himmel gebrannt, als sie es jetzt hier tat, obwohl es in Mesuts Gedanken schon langsam Abend wurde. Trotzdem waren die fröhlichen Bilder in eine Traurigkeit getaucht, und jetzt soll mich bitte niemand fragen, wie denn das geht. Man kann es nicht erklären. Man weiß es, weil man es spürt. Bei den eigenen Gedanken spürt man Traurigkeit schließlich auch, und genauso habe ich es jetzt von Mesut gewusst.“ (Boie, Der Junge, der Gedanken lesen konnte, 94)

Nach und nach kommt Valentin diesen Bilder auf die Spur – und dabei auch sich selbst und seiner eigenen, verborgenen Trauer und seinem schlechten Gewissen. Valentins Bruder Artjom hatte einen Unfall und ist gestorben, die letzte Begegnung von Valentin und Artjom endete im Streit.

„Da hatte ich manchmal gedacht, dass es Artjom ganz recht geschah, wenn er jetzt tot war. Aber das konnte ich keinem sagen.“ (Boie, Der Junge, der Gedanken lesen konnte, 169)

Es ist Herr Schmidt, den Valentin dazu bringt, diese Gedanken zu denken: Herr Schmidt, in dessen Gedanken Valentin so ganz andere Bilder entdeckt.

„Es hätte mich auch gewundert, wenn bei Herrn Schmidt im Kopf so ein Chaos gewesen wäre wie bei Dicke Frau, aber dass seine Bilder so ruhig und so fröhlich sein würden, hätte ich auch nicht erwartet. Bei Herrn Schmidt im Kopf war es so glücklich wie vorher noch bei keinem. Die Sonne schien über einer wunderschönen, hügeligen Landschaft, die aussah, als ob es vielleicht Italien wäre; aber weil ich noch nie in Italien war, weiß ich das nicht so genau. Alles war grün, und es gab Blumen, die ich noch nie gesehen habe, und riesengroße Schmetterlinge und winzige Vögel, die aus den Blüten getrunken haben, das waren bestimmt Kolibris. Im Hintergrund sah man das Meer, und auf einer Bank saß eine junge Frau in einem blauen Kleid, das genau zum Himmel und zum Wasser gepasst hat, und hat gelacht. Und wenn bei Mesut und bei Dicke Frau eine große Traurigkeit über ihren Gedanken gelegen hatte, dann war es bei Herrn Schmidt eine große Freude. Das denkt man doch nicht bei so einem alten Mann. Vielleicht hat er sich gerade an seine schönste Urlaubsreise erinnert. Ich konnte mir gut vorstellen, dass einem auf diesem Friedhof schöne Erinnerungen kamen.“ (Boie, Der Junge, der Gedanken lesen konnte, 109)

Gedanken lesen können heißt Grenzen überwinden können. Der Friedhof ist so ein Grenz-Ort, und auf ihre Weise überwinden alle Figuren die Todesgrenze: Bronislaw ist, trotz der schrecklichen Blutlache, nicht tot, die Schilinskys genießen ihr Leben angesichts des Todes, für Dicke Frau gibt es zwar keinen Trost, aber es tut sich eine winzige Tür aus dem Gefängnis ihrer Trauer und ihrer harschen Zwiesprache mit Maria auf, als sie Valentin rettet (denn eine Kriminalgeschichte mit allem, was dazugehört, bietet der Roman ja auch noch). Valentins Mutter lernt, über den Tod Artjoms zu trauern, und Valentin lernt, dass der Tod nicht unbedingt Angst machen muss. Und das, obwohl Herr Schmidt stirbt:

„Das Paradies! Herr Schmidt hatte gar nicht an einen Urlaub gedacht, als in seinem Kopf der schöne Landschaftsfilm gelaufen war. Er hatte gewusst, dass er bald sterben würde, und er hatte keine Angst gehabt. Die schöne Landschaft in seinem Kopf war das Paradies. Der Himmel.“ (Boie, Der Junge, der Gedanken lesen konnte, 262f.)

Der Junge, der Gedanken lesen konnte ist eine Erzählung, die die Sprachlosigkeit, die Erfahrungen von Trauer und Tod oft umgibt, bearbeitet, nebenher ein wenig interreligiös informiert (Mesut ist Muslim und mit den westlich-christlichen Trauerriten nicht vertraut) und zudem eine Kriminalgeschichte erzählt, die den Vergleich mit den

„Geschichten von der Kinderbande“ (Boie, Der Junge, der Gedanken lesen konnte, 306)

und die Valentin (wie andere Kinder auch) gern liest, ohne weiteres besteht.

„So viele Zufälle wie bei denen gibt es im echten Leben eben doch nicht. Und dass einer so schlau ist wie das Superhin. Oder dass immer in letzter Sekunde doch noch Hilfe kommt.

Ich habe überlegt, ob ich dem Autor das schreiben sollte, aber dann habe ich gedacht, dass die Bücher mir ja trotzdem Spaß gemacht haben.“ (Boie, Der Junge, der Gedanken lesen konnte, 306)

Und das gilt, obwohl auch Valentin und Mesut bei ihrem Kriminalabenteuer in letzter Sekunde Hilfe erfahren. Aber davon will ich hier nichts weiter verraten. Nur, dass am Ende die Umzugskisten ausgepackt sind. Alle.