„Trigonometrie ist für einen Jungen ungefähr so nützlich wie ein Fahrrad für einen Fisch“ (John Boyne, Der Junge mit dem Herz aus Holz)

Ich muss gestehen: meine Ratlosigkeit währte beinahe 100 Seiten, und sie führte fast dazu, dass ich John Boynes Roman Der Junge mit dem Herz aus Holz. Ein Märchen (üb. Adelheid Zöfel, Frankfurt/M. 2012) nicht zu Ende gelesen hätte. Zu merkwürdig schien mir die Geschichte, zu wenig nachvollziehbar die Handlung: Noah Barleywater, 8 Jahre, beschließt, von daheim fortzulaufen – und er findet sich in einer Welt wieder, in der die Gesetze der Normalität nicht gelten, in der die Zeit Sprünge zu machen scheint – verdeutlicht durch eine besondere Uhr

„‚Das ist eine sehr spezielle Uhr‘, sagte  Noah und beugte sich vor, um sie näher zu betrachten. Sofort blieb der Sekundenzeiger stehen, und erst als Noah ein Stück zurückwich und den Blick abwandte, bewegte sich der Zeiger wieder, aber er lief schneller als vorher, um die Pause wettzumachen und dahin zu kommen, wo er sein sollte.“ (Boyne, Der Junge mit dem Herz aus Holz, 64).

und der Raum sich verändern kann. Dass darüber hinaus Tiere sprechen können und das Ganze  sich für mich ziemlich nach Nonsens anhöhrte – geschenkt. So ist das vielleicht bei Tieren. Aber das Spiel mit Raum und Zeit, das Boyne inszeniert, hat mich derart nachhaltig verwirrt, dass ich das Buch eine ganze Zeit lang nicht mehr angerührt habe.

Zum Glück hat es 234 Seiten und zum Glück habe ich dann doch weitergelesen. Die Geschichte bleibt merkwürdig – Noah begegnet auf seiner Flucht von daheim in einem eigenartigen Spielwarengeschäft einem alten Mann, der ihm eigenartige Geschichten erzählt und nachdrücklich nach dem Grund von Noahs Flucht fragt. Die Handlung und die Geschichten bleiben wirr. Doch nach und nach dringt Realität in die Geschichte ein, und die eigenartige Verwirrtheit, in die ich als Leser geraten war, entpuppt sich als Spiegel dessen, was mit Noah geschehen ist. In dem, was für ihn Realität war, haben sich Brüche, Abgründe aufgetan, die die durchschnittliche Erfahrung von Raum und Zeit sprengen.

Es fängt damit an, dass seine Mutter merkwürdige Dinge tut.

„‚Sie würden sich wundern, was meine Mutter alles kann, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat‘, sagte Noah mit einem leisen Lächeln. ‚Sie ist immer für eine Überraschung gut.'“ (Boyne, Der Junge mit dem Herz aus Holz, 111).

Dann wird das alltägliche Koordinatensystem des 8jährigen auf den Kopf gestellt.

„Mrs Barleywater erschien ganz unerwartet am späten Vormittag auf dem Schulhof, gleich nachdem die Klassen herausgekommen waren, weildie Mittagspause begonnen  hatte. Sie sagte zu Noah, er solle mit ihr mitkommen, sie würden den Nachmittag freimachen und etwas unternehmen.
‚Wie bitte?‘, fragte er fassungslos. Seine Mutter hatte ihm noch nie erlaubt, die Schule zu schwänzen, nicht einmal an dem Tag, als er nicht hingehen wollte, weil er die Hausaufgaben nicht gemacht hatte und fünf Minuten das Thermometer bearbeitet hatte, um irgendwie zu erreichen, dass es Fieber anzeigte.“ (Boyne, Der Junge mit dem Herz aus Holz, 148).

Und während Noahs Welt aus den Fugen gerät, ordnet sie sich im Kopf der Leserinnen und Leser.

„‚Und deine Mama?‘, fragte der alte Mann. ‚Gehe ich richtig in der Annahme, dass sie im Krankenhaus liegt?‘
‚Sie war im Krankenhaus‘, sagte Noah und drehte sich weg, damit der alte Mann nicht sehen konnte, dass ihm die Tränen in die Augenh stiegen. ‚Jetzt ist sie wieder zu Hause. Im Bett. Sie ist gestern heimgekommen. Das wollte sie unbedingt. Sie hat gesagt, sie möchte zu Hause sein, wenn sie – wenn sie -‚ Er konnte nicht weiterreden, verzog das Gesicht und verkrampfte die Hände ineinander, um nicht die Fassung zu verlieren.“ (Boyne, Der Junge mit dem Herz aus Holz, 189).

Krankheit und Tod der Mutter zerreißen Noahs Welt. Zeit und Raum verlieren den Zusammenhang. Noah flieht von daheim, weil seine Mutter sterben wird.

Auf der Flucht begegnet er den Geschichten des alten Mannes, die mehr und mehr seine eigenen Geschichten werden.

„‚Wenn man so viel läuft, kommt man immer wieder in andere Zeitzonen und weiß nie genau, wo man gerade ist, Oder wann man ist.“ (Boyne, Der Junge mit dem Herz aus  Holz, 194).

So erzählt der alte Mann. Auch seine Welt ist, traut man seinen Erzählungen, mit dem Tod des Vaters aus den Fugen geraten und hat nicht wieder zusammengefunden. Er ist zum Marionettenschnitzer geworden, dem unter der Hand die herrlichsten Figuren glücken – und doch nie die, die er eigentlich schnitzen will: die seiner selbst (vgl. 205). Von ihm lernt Noah – und kehrt um.

„Noah stand auf. Er war müde und verwirrt. Was für ein Tag. So viele Überraschungen, so viele Abenteuer. Er hatte alle möglichen Leute kennengelernt und erstaunliche Dinge erlebt, und jetzt wünschte er sich nichts sehnlicher, als alles, was er erlebt hatte, jemandem zu erzählen. Jemandem, den er liebte.“ (Boyne, Der Junge mit dem Herz aus Holz, 213).

Es gibt noch einiges mehr zu Boynes Buch zu sagen. Zum Beispiel zum Thema Trigonomietrie (das Zitat aus der Überschrift findet sich auf Seite 217). Doch davon ein andermal. Für heute der Hinweis auf eine Geschichte, die die Brüchigkeit der Realität erzählt und abbildet und ihr die Zerbrechlichkeit von Beziehungen entgegenstellt.

„Er hatte wirklich großes Glück gehabt, fand Noah. Manche Leute besaßen überhaupt keine schönen Erinnerungen. Er hatte acht Jahre mit seiner Mutter und achtzehn mit seinem Vater. Gar nicht so schlecht, wenn man es sich richtig überlegte.“ (Boyne, Der Junge mit dem Herz aus Holz, 229).