„Mors certa, hora incerta!“ (Kirsten Boie, Der kleine Ritter Trenk und der Turmbau zu Babel)

„‚Kaplan, ist Euch diese Sprache bekannt?‘

Da nickte der Herr Kaplan verwirrt.

‚Diese Sprache ist wahrhaftig Latein, edler Herr Ritter‘, flüsterte er.“ (Kirsten Boie, Der kleine Ritter Trenk und der Turmbau zu Babel, Hamburg 2013, 42)

Ja, der kleine Ritter Trenk entdeckt die Vorzüge des Lateinunterrichts, als er und sein Gefolge, Thekla nämlich, die Tochter des Ritters Hans vom Hohenlob und Trenks Spielgefährtin, und das Schwein Ferkelchen, zusammen mit dem Gauklerjungen Momme Mum und einigen weiteren Gefährten versuchen, den verschleppten Dombaumeister aus der Gefangenschaft Wertolts des Wüterichs zu befreien. Diesem nämlich behagte das Kathedralbauprojekt Hans vom Hohenlobs nicht:

„‚Wer sagt, dass Gott größer ist? Größer als Wertold der Edle ist gefälligst niemand im Himmel und auf Erden! Darum muss mein Haus auch das größte sein auf der ganzen Welt'“ (Boie, ebd., 26f.),

meint Wertolt, bringt damit das Abenteuer in Gang und fügt sich bruchlos ein in die Geschichte der Leute aus dem Osten, die auch zueinander sagten:

„Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen“ (Gen 11,4).

Die Sprachverwirrung, mit der der biblische Text endet, lässt Boie allerdings den kleinen Ritter Trenk inszenieren, der plötzlich lateinische Warnworte spricht, die sich, Wunder über Wunder, auch noch bewahrheiten – Wertolts Burg droht in Flammen aufzugehen und neben Babels auch noch das Schicksal Sodoms zu teilen (vgl. Gen 19):

„‚In Babel haben die Gesellen keine Flammen gespien, edler Herr Ritter!‘, sagte der Kaplan, und seine Stimme zitterte. ‚Woran Ihr seht, dass Gott der Herr auf Euch sogar noch zorniger ist!'“ (Boie, Ritter Trenk und der Turmbau zu Babel, 55)

Und dieser kleine Kunstgriff führt zur religionspädagogisch interessanten Fragestellung: wie bearbeitet das Kinderbuch die Frage des Handelns Gottes – und: ist diese Bearbeitung angemessen?

Ich skizziere hier nur kurz eine mögliche Antwort, die entwicklungspsychologische Perspektiven integrieren müsste und, mit Blick auf die Zielgruppe, Kinder nämlich des Kindergarten- und frühen Grundschulalters, vermerken kann, dass dämonische, heteronom agierende Momente vom Gottesbild ferngehalten werden, wenn das feuerige Eingreifen, das Wertolt Gott zuschreibt, für die Leser und Zuhörer des Textes klar erkennbar auf eine Handlung Trenks und Mommes zurückgeht. Trenk schließlich inspiriert Momme zu folgenschwerem Tun:

„Denn nun hatte Momme Mumm wirklich die Nase voll von dem dummen, gemeinen Wertolt und all seiner Aufschneiderei. Darum zwikerte er GTrenk kurz zu, und dann ließ er die Flammen noch einmal hell auflodern, und dieses Mal genau in die Richtung, wo die Küchenjungen neben dem Küchenhaus das Feuerholz für den Herd gestapelt hatten.“ (ebd., 55)

Dass Momme ein Gaukler und Feuerschlucker ist, weiß Wertolt nicht. Der hatte nun aber behauptet:

„‚Dann soll er doch die ganze Burg brennen lassen meinethalben, das habt Ihr gesagt!‘

‚Wahrhaftig, das habt Ihr gesagt, Herr Ritter!‘, sagte auch der Dombaumeister. ‚Und jetzt hat Gott der Herr Eure Bitte erfüllt.'“ (ebd., 56)

Und so bestätigt sich:

„‚Ein Glück, dass er nicht nur ein Wüterich ist, sondern auch dumm wie Bohnenstroh!“‚ (ebd., 61)

Dumm wie Bohnenstroh ist es, Gott solches Handeln zuzuschreiben: angesichts möglicher problematischer Entwicklungen des kindlichen Gottesbildes eine durchaus nachvollziehbare Perspektive.

Nicht ganz so eindeutig fällt das Urteil jedoch aus, wenn Der kleine Ritter Trenk und der Turmbau zu Babel aus der Tradition der biblischen Texte Gen 11 und evtl. auch Gen 19 gelesen wird. Die Handlungsfähigkeit Gottes in der Welt gehört nicht nur hier zu den theologischen Grundaussagen der jüdisch-christlichen Tradition und kann nicht ohne weiteres mit  menschlichem Handlen verrechnet werden. Durch den Ton der Erzählerfigur, die immer wieder ein lächelndes Einverständnis bezüglich der agierenden Personen der Erzählung herzustellen versucht und dabei auf die neuzeitliche, aufgeklärte Perspektive moderner Menschen rekurriert, wird der Grundton der biblischen Texte so rasch entmythologisiert, dass mit der Handlungsfähigkeit auch die Gottesrede anthropologisch rekonstruiert und damit überflüssig wird. Natürlich bleibt am Ende des Buches

„die allerschönste, größte Kathedrale … Und wenn du zufällig mal in der Gegend bist, kannst du sie dir ja angucken.“ (Boie, 61)

Doch was bedeutet das? Kaum mehr als museal ist dieses Denkmal des Religiösen, sein Grund dagegen taucht nicht mehr auf. Die Rezeption biblischer Texte, mit der Kirsten Boie durchaus Erfahrung hat, wie die Medlevinger (Die Medlevinger. Mit Illustrationen von Volker Friedrich, Hamburg 2004) zeigen, bleibt unterkomplex.

Meine Ritter-Trenk-Skepsis halte ich demnach aufrecht.

 

Noch einmal der kleine Ritter Trenk (Kirsten Boie)

Dass der Ritter Trenk, inzwischen zum Multimediaprodukt ausgebaut, mich bitter enttäuscht hat, hatte ich schon einmal notiert (siehe hier) – und die Bücher seitdem links liegen gelassen. Nun bin ich auf den Band „Der kleine Ritter Trenk und der Turmbau zu Babel“ gestoßen, der mich vom Titel her interessierte und beim Durchblättern immerhin Lust auf eine genauere Lektüre gemacht hat. Deshalb hier zunächst nur die Notiz, dass das Buch bestellt ist, demnächst gelesen und dann auch kommentiert werden wird.