Einladungen zum Perspektivenwechsel

Bevor ich weiter prüfe, welche religionsdidaktische Relevanz die Einladung zum Perspektivenwechsel zwischen Teilnehmer- und Beobachterperspektive, auf die Bredella hingewiesen hat, haben könnte, möchte ich an einigen Texten Beispiele für solche Einladungen ausfindig machen. Auf den Hund mit dem gelben Herzen hatte ich schon hingewiesen – auch der den Lesefluss „unterbrechende“ (Metz) Einfall „G. Ott“ gehört übrigens dazu.

In Michael G. Bauers Running Man bildet die Gesamtkomposition des Romans, der über weite Teile als Rückblende, in die dann nochmals lyrische und epische Passagen – als solche kenntlich gemacht – eingeflochten werden, eine Aufforderung zum Perspektivenwechsel. Einmal von Morris Gleitzman unterbricht durch das stilistische Element, jedes Kapitel mit dem gleichen Wort „Einmal“ beginnen zu lassen, die teilnehmende Identifikation mit Felix. Der Märchenerzähler von Antonia Michaelis (Hamburg 2011) – ein, wie ich nach einer schon länger zurückliegenden Lektüre immer noch finde, äußerst problematisches Buch um Liebe und Gewalt – integriert eine parallel verlaufende fantastische Binnenerzählung des titelgebenden „Märchenerzählers“, die allerdings möglicherweise dazu dient (verführt?), die ethisch relevante Distanz zu den Personen, die die Beobachterperspektive in den Rezeptionsprozess einträgt, zu unterlaufen. Dies wäre genauer zu untersuchen: immerhin ist Der Märchenerzähler, ein Text, in dem es zweifellos im Sinne von Magda Motté um ethisch relevante Fragestellungen geht und thematisch zweifellos für den Religionsunterricht bedeutsam ist. Nur ob die konkrete Durchführung dem Anliegen ethischer Bildung dienlich ist, lässt sich nicht mit wenigen Sätzen klären.

Komposition, Stil, überraschende Ideen – drei Möglichkeiten, die Lesewelt als solche bewusst und der reflektierenden Beobachtung zugänglich zu machen. Qualitätskriterien, die literarisch ambitionierte Texte von unterhaltender Gebrauchsliteratur unterscheiden, scheinen damit durchaus ausgemacht. Die – im schlechtesten Fall ideologische – Macht der Texte kann durch den Text selbst darstellgestellt, bearbeitet und gebrochen werden, der literarische Genuss ist nicht Weltflucht oder Kompensation, sondern kann mit den Mitteln des Textes auf erlebte Wirklichkeit verweisen. Und das will Lernen im künstlichen Raum der Schule allemal.