Nichts (Janne Teller)

Eine Geschichte vom Zerbrechen aller Gewissheiten erzählt auch Janne Teller. Nichts. Was im Leben wichtig ist (München 2010 [dänisches Original: 2001]) ist die Geschichte einer Transformation, die aus einer sinnlosen Eskalation hervorgeht: Pierre Anthon, „verließ an dem Tag die Schule, als er herausfand, dass nichts etwas bedeutete und es sich deshalb nicht lohnte, irgendetwas zu tun“ (Teller, Nichts, 8).

Es ist wohl unmöglich, dieses Nichts darzustellen, Michael Endes Versuch in der Unendlichen Geschichte führt jedes Mal konsequent an den Rand des Erzählbaren. Pierre Anthon nimmt dagegen Inkonsequenzen in Kauf, wenn er seine ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler von nun an mit der Behauptung, letztlich sei alles sinnlos, weiterhin provoziert:

Falls ihr achtzig werdet, habt ihr dreißig Lebensjahre verschlafen, habt gut neun Jahre die Schule besucht und Hausaufgaben gemacht und knapp vierzehn Jahre lang gearbeitet … Und dann plagt ihr euch damit ab, so zu tun, als hättet ihr Erfolg in einem sinnlosen Spiel, anstatt die neun Jahre sofort zu genießen“ (Teller, Nichts, 21).

Dennoch erweist sich seine Haltung als erstaunlich kritikimmun. Ihn fechten die Versuche der Anderen, dem Verdikt der Sinnlosigkeit einen „Berg aus Bedeutung“ (Teller, Nichts, 30) entgegenzustellen, nicht an. Schließlich wird er von ihnen getötet, nur um auch dann noch als Stimme, gleichsam aus dem Nichts heraus, gegenwärtig zu bleiben (Literaturauswahl: Ute Lonny-Platzbecker/Susanne Nordhofen, Eine Lektüre für die Schule? Janne Tellers Jugendroman „Nichts“, in: Eulenfisch 1/2011, 62-64; Georg Langenhorst, Religion in der Kinder- und Jugendliteratur. Wegmarken der Erforschung unter religionspädagogischer Perspektive, rhs 54 [2011], 2-9; Blog von Reinhard Kirste; Rezension von Gerhard Kracht bei rpi-virtuell).

Der Berg aus Bedeutung entsteht in einem verlassenen Sägewerk am Rand der Stadt aus Gegenständen, die den Mitschülerinnen und Mitschülern Pierre Anthons bedeutsam erscheinen. Mehr und mehr dringen sie dabei zu dem vor, was Agnes, die Ich-Erzählerin, als ihren „wunden Punkt“ (Teller, Nichts, 31) beschreibt. Das Wissen um das, was den Anderen wichtig ist, wird zur Waffe im Kampf um Bedeutung. „Als Dennis die letzten vier seiner Dungeons&Dragons-Bücher abgeliefert hatte, schien der Bedeutungsstein so richtig ins Rollen zu kommen. Denn Dennis wusste, dass Sebastian sehr an seiner Angelrute hing. Und Sebastian wusste, dass Richard seinen schwarzen Fußball vergötterte. Und Richard hatte bemerkt, dass Laura immer ihre afrikanischen Papageienohrringe trug“ (Teller, Nichts, 28).

Bedeutung entsteht, das entdecken Jugendlichen, wo es weh tut. Erst sind es die neuen Sandalen von Agnes, dann Klein-Oskar, der Hamster von Gerda. Bald kennt die Suche nach Bedeutung keine Grenzen mehr: sie gilt der Adoptionsurkunde von Anna-Li, der Koreanerin, dem Sarg mit dem Leichnam von Elises kleinem Bruder, der vor einem halben Jahr gestorben war, Husseins Gebetsteppich. Schließlich stockt die Erzählerin:
“Ich kann fast nicht erzählen, was Sofie abliefern sollte. Es war etwas, worauf nur ein Junge kommen konnte, und es war so eklig und widerwärtig, dass fast alle ein gutes Wort für sie einlegten. Sie selbst sagte nicht viel, nur Nein und Nein und Nein, und sie schüttelte den Kopf und zitterte am ganzen Körper“ (Teller, Nichts, 72).

Teller komponiert ihre Geschichte nicht als geradlinige Steigerung. Vielleicht wirkt sie gerade deshalb so unvorhersehbar unerbittlich: nach Sofies „Unschuld“ (Teller, Nichts, 72) werden das Kirchenkruzifix, der Kopf eines Hundes, schließlich der Finger des besten Gitarristen der Klasse dem Berg hinzugefügt. Und es ist kein Wunder, dass der Roman, der damit – und auch mit Pierre Anthons gewaltsamem Tod! – noch nicht zu Ende ist (Pierre Anthons Stimme überlebt in den Ohren der Erzählerin ohnehin), so umstritten wie erfolgreich ist. Die Geschichte verstört nachhaltig – und lässt keine Perspektive: vom Berg aus Bedeutung bleibt am Ende „eine Streichholzschachtel mit der Asche vom Sägewerk und dem Berg aus Bedeutung“ (Teller, Nichts, 140). Diese Asche repräsentiert die Geschichte: sie ist etwas, „was Bedeutung hat“, mit der man „nicht spaßen soll“ (Teller, Nichts, 140). Nichts ist die Geschichte einer Eskalation und die Geschichte einer Transformation: aus Bedeutung wird Asche.

Religionspädagogisch voller Bedeutung ist der Roman nicht allein, weil Bedeutung etwas ist, was die handelnden Personen „unbedingt angeht“ (Paul Tillich) oder weil ein Kruzifix und ein Gebetsteppich darin vorkommen. Diese Accessoires beziehen zwar ausdrücklich die Welt der Religionen mit in die Handlung ein, mehr noch: ihre Preisgabe bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Religiosität der Protagonisten, des frommen Kai und Husseins (vgl. Teller, Nichts, 134). Doch auf ihnen liegt nicht der Schwerpunkt. Dieser findet sich im Abgrund des Nihilismus, den Pierre Anthons Behauptung in der Welt pubertierender Jugendlicher entzündet, und in der Frage von Versuchung und Schuld. Und dieser Schwerpunkt irritiert über das Buch hinaus. Kann man mit ihm religionspädagogisch umgehen? Ist ihm zu begegnen – oder breitet sich seine Zerstörungskraft weiter aus? Hat Pierre Anthons Destruktion aller Bedeutung das letzte Wort:

„Er war an allem schuld. Daran, dass Jan-Johan seinen rechten Zeigefinger verloren hatte, dass Aschenputtel tot war, dass Kai seinen Jesus geschändet hatte, dass Sofie die Unschuld verloren hatte, dass Hussein der Glauben abhandengekommen war … Er war schuld, dass wir die Lust am Leben und an der Zukunft verloren hatten und nicht aus noch ein wussten“ (Teller, Nichts, 134)?