„Ich finde, es sollte eine Regel geben, dass jeder Mensch auf der Welt wenigstens einmal in seinem Leben Standing Ovations bekommen muss“ (Raquel J. Palacio, Wunder)

Die genannten

„Standing Ovations“ (Raquel J. Palacio, Wunder, üb. von André Mumot, München 2013, 278)

bekommt August Pullman am Ende tatsächlich:

„Und als ich die Treppe zur Bühne hinaufging, passierte das Erstaunlichste: Alle standen auf. Nicht nur die ersten Reihen, sondern das ganze Publikum erhob sich plötzlich von den Sitzen, jubelte und klatschte wie verrückt. Es waren Standing Ovations. Für mich.“ (Palacio, Wunder, 370).

Denn er hat es

„bloß durch die fünfte Klasse geschafft. Und das ist nicht leicht, selbst wenn man nicht zufällig August Pullmann ist“ (Palacio, Wunder, 371).

Der Weg in die Schule war für August dornig: bislang war er zu Hause von seiner Mutter unterrichtet worden, die ihren Sohn intensiv zu beschützen versucht: auch nach zahlreichen Operationen –

„Siebenundzwanzig seit meiner Geburt.“ (Palacio, Wunder, 11) –

fällt August auf, irritiert sein Aussehen alle, denen er begegnet, nachhaltig. Dass er es deshalb in der Schule doppelt schwer hat, versteht sich:

„bei August [ist] eine ‚zuvor unbekannte Art des Treacher-Collins-Syndroms aufgetreten“ (Palacio, Wunder, 130).

Ich verzichte an dieser Stelle auf eine ausführliche Inhaltsangabe wie August auf die Beschreibung seines Gesichts

„Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt – es st schlimmer.“ (Palacio, Wunder, 10)

– das Buch ist die Lektüre unbedingt wert, und zu der gehört das Überraschende nun einmal dazu – und beschränke mich auf die Markierung dreier thematischer Besonderheiten.

Wunder

Da ist nämlich einmal das titelgebende „Wunder“ – in Person von August selbst.

„Ich weiß, dass ich kein normales zehnjähriges Kind bin“ (Palacio, Wunder, 9)

ist der erste Satz des Romans, und er wird gleich im zweiten Absatz mit der Sehnsucht nach einer

„Wunderlampe“ (Palacio, Wunder, 9)

präzisiert, die es August ermöglichen würde,

„ein normales Gesicht zu haben“ (Palacio, Wunder, 9).

Aber das ist – wie die Wunderlampe – unmöglich, selbst wenn man in Anschlag bringt, dass selbst die Naturwissenschaft

„keine exakte Wissenschaft ist“ (Palacio, Wunder, 132).

Veränderbar ist jedoch die Semantik des Begriffs „normal“. Am Ende kann August mit ihr umgehen.

„Für mich bin ich nur ich. Ein normaler Junge.“ (Palacio, Wunder, 371)

Und das genügt, um zugleich das Wort Wunder zu transformieren:

„‚Du bist wirklich en Wunder, Auggie. Du bist ein Wunder.“ (Palacio, Wunder, 375)

stellt seine Mutter fest. Ich stelle darüber hinaus fest, dass diese Wunder-Transformation in Die Zeit der Wunder ebenfalls stattgefunden hat.

(Un-)Zugehörigkeit

Das zweite Thema ist das der Nicht-Zugehörigkeit. August selbst konstatiert bereits auf der ersten Seite deren Ursprung:

„Ich glaube, es ist so: Der einzige Grund dafür, dass ich nicht normal bin, ist der, dass mich niemand so sieht.“ (Palacio, Wunder, 9)

und beschreibt damit mustgültig die soziale Dimension von Exklusion aufgrund eines Anderssein, das die Grenzen des gesellschaftlich tolerierten Gewöhnlichen sprengt – heterogener ist als das der übrigen Schülerinnen und Schüler:

„Einige von ihnen hatten Nasenpiercings. Einige hatten Pickel. Keiner von ihnen sieht aus wie ich.“ (Palacio, Wunder, 79)

Eine Stärke des Romans liegt nun darin, dass die Erzählung immer wieder die Perspektive kapitelweise wechselt: neben August sind auch seine Schwester Via, deren Freunde Miranda und Justin, sowie Augusts Mitschülerin Summer und sein Nebensitzer Jack, dem August schon längst auf der Straße aufgefallen war, Ich-Erzähler der Geschichte. Die Multiperspektivität zeigt: als ausgeschlossen erfährt sich nicht nur August selbst. Auf unterschiedliche Weise sind weitere Personen mitbetroffen. Und es fällt allen nicht leicht, die Barrieren, die so auf äußerst unübersichtliche Weise aufgestellt sind, in den Blick zu nehmen, geschweige denn zu überwinden: sowohl August und Jack als auch Via und Miranda durchleben Schweigezeiten des Miss- und Nichtverstehens.

Religiöse Sprache

Aufmerksam machen möchte ich drittens auf die hier und da aufblitzende, zugleich aber jeweils auch als problematisch markierte religiöse Sprache. Da ist einerseits die Rede vom

„Lamm[, das] zur Schlachtbank geführt“ (Palacio, Wunder, 59; vgl. ebd., 18 und 20)

wird – August muss sich im Internet kundig machen, um die Bedeutung der Redewendung (biblischen: Jes 53,7) zu verstehen: ganz ähnlich Harry Potter, der die biblische Grabinschrift seiner Eltern nicht mehr richtig zu deuten vermag.

Ähnlich muss Mr. Pomann seiner Abschlussrede am Ende des Schuljahres, einem flammenden, in der Tradition des Gottebenbildlichkeitsgedankens der jüdisch-christlichen Tradition stehenden Plädoyer dafür, sich so zu verhalten, dass

„‚die Welt zu einem besseren Ort werden [kann]. Und wenn ihr das tut, wenn ihr euch etwas freundlicher verhaltet als notwendig, dann wird irgendjemand irgendwo irgendwann vielleicht in jedem Einzelnen von euch das Antlitz Gottes erkennen.'“ (Palacio, Wunder, 363),

augenzwinkernd eine einschränkende Bemerkung nachschicken:

„‚Oder welche politisch korrekte spirituelle Verkörperung universeller Güte es auch sen mag, an die ihr zufällig glaubt'“ (Palacio, Wunder, 364).

Unverständlich gewordene oder als exkludierend erfahrene Traditionsbestände werden deshalb jedoch in Wunder nicht aufgegeben, sondern – damit bin ich wieder bei meiner ersten Beobachtung – transformiert. Das wirkliche Wunder, der Ort der Gottesgegenwart, ist der Mensch. Man muss ihn nur als solchen sehen lernen.

Katholischer Kinder- und Jugendbuchpreis 2012

Schon längst hatte ich auf die Sammelbesprechung von Gabriele Cramer, Mitglied der Jury des kath. Kinder- und Jugendbuchpreises, von Büchern, die in diesem Jahr im Umfeld des katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises bedeutsam geworden sind, hinweisen wollen, bin aber bislang nicht dazu gekommen (Gabriele Cramer, Der katholische Kinder- und Jugendbuchpreis 2012, in: KatBl 137 [2012], 226-229). Cramer bespricht neben Bondoux, Die Zeit der Wunder, auch die Kinderlesebibel von Michael Landgraf mit Illustrationen von Susanne Göhlich (Stuttgart/Göttingen 2011), Oscar Brenifier / Jacque Després (Ill.), Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da, üb. Norbert Bolz, Stuttgart/Wien 2011, Iwona Chmielewska, Blumkas Tagebuch, Langenhagen 2011, sowie David Almond, Mina, üb. Alexandra Ernst, Ravensburg 2011.

Die Zeit der Wunder (Bondoux) thematisiert für Cramer die Frage der „Erlösung“ (S. 227) im Kontext von Leiderfahrungen, „Gottesverneinung, Inschala-Ergebenheit und einer ‚Zeit der Wunder‘.“ (Ebd.). Mina (Almond) – ein Buch, mit dem ich mich hier noch beschäftigen möchte – liest sie als Plädoyer für „eine inklusive Erziehung, die Vielfalt wirklich als Ressource und nicht als Problem bewertet“ (S. 229). Deutlich wird dabei die Spannbreite religionspädagogischer KJL-Rezeption zwischen Anwendungsorientierung und, wenn man so will, Lehrerfortbildung.