Abgewrackt

Am Ende ist es dann doch nicht mehr als ein Weltraum-Baller-Buch mit einem Happy-End auf Zeit, Fortsetzung nicht ausgeschlossen: die Godspeed-Trilogie (Beth Revis, üb. Simone Wiemken, Dressler, Hamburg, 2011, 2012 und 2013) endet mit einem vorläufigen Friedensschluss, der ‚Godspeed‘ als Wrack, das die Kollision mit einer Raumstation nicht überlebt und in einem atomaren Blitz aufgeht, vielen Toten …

„Mein besonderer Dank geht an die Schüler der Burns High School, die es toll finden, in meinen Büchern umgebracht zu werden. Ich hoffe, euch haben eure grausigen Todesarten gefallen.“ (Beth Revis, Godspeed. Die Ankunft, 2013, 480 [Danksagung])

und einer die Zeit

„Immer.“ (Revis, Godspeed. Die Ankunft, 478)

überdauernden Liebe. Die Verheißung einer Gesellschaftsutopie (Dystopie), die die Frage nach der Bedeutung, dem „Glutkern“ (Jürgen Habermas, Glauben und Wissen. Friedesnrpes des Deutschen Buchhandels 2001, Frankfurt/M. 2001, 28) von Religion nicht ausklammert, wird enttäuscht, sie verklingt in zwei Szenen des dritten Bandes, der Auflösung von Religion resp. religiöser Symbolik in Familientradition:

„Ich greife an den Hals und ziehe das kleine Goldkreuz an der Kette hervor, das ich mir vor drei Monaten aus ihrem Koffer geholt habe. ‚Das ist deins‘, sage ich. ‚Tut mir leid, dass ich es genommen habe.‘ Ich beginne, den Verschluss zu öffnen.

Sie berührt das Kreuz und drückt es sanft auf meine Haut. ‚Behalte es‘, sagt sie. ‚Ich habe es gesehen, als du ohnmächtig warst von den Blüten. Es gehört jetzt dir. Ich habe es von meiner Mutter bekommen und gebe es nun an dich weiter.'“ (Revis, Godspeed. Die Ankunft, 330)

sowie einem kurzen Hinweis auf religiöse Pluralität:

„Das Bild wackelt ein bisschen, während jemand die Kamera auf der Kontrolleinheit abstellt. Ein Schwenk zeigt jeden, der dort anwesend ist. Diese Aufnahmen wurden gemacht, bevor die Besatzung monoethnisch wurde. Die Leute auf der Brücke gehören verschiedenen Rassen an – und anscheinend auch verschiedenen Religionen, denn eine der Frauen hat einen Davidstern an ihrer Kette. Meine Finger wandern automatisch zu meinem Kreuzanhänger und ich lächle ein wenig. Es freut mich, dass die Godspeed nicht immer so verkorkst war wie in der Zeit, in der ich sie erlebt habe.“ (Revis, Godspeed. Die Ankunft, 401)

Dabei bleibt es – leider. Bis auf Junior, dem Anführer der „Godspeed“-Besatzung vielleicht, der sich (wer sich an das Schicksal Harry Potters im siebten Band der Reihe erinnert fühlt, dürfte nicht völlig falsch liegen) auf den letzten Seiten der Trilogie opfert, um das Leben der um Freiheit ringenden Kolonie auf der „Zentauri-Erde“ zu retten – und seinen todesmutigen Versuch dank eines klassischen Deus ex machina, einer technischen Finesse, von der zuvor nicht die Rede war, überlebt. Einen Zusammenhang zur religiösen Symbolik stellt die Erzählung jedoch nicht her.

Oder doch? Findet sich in ihr genau das, was Jürgen Habermas in seiner berühmten Friedenspreisrede thematisiert, eine „Übersetzung religiöser Inhalte“ in eine „säkulare Sprache“ (Habermas, Glauben und Wissen, 20f.), die  „der schleichenden Entropie der kanppen Ressource Sinn“ entgegenwirken könnte (Habermas, Glauben und Wissen, 29) – gerade im Bereich der Gentechnik, in dem die Godspeed-Dystopie angesiedelt ist?

Ich glaube nicht: dazu bräuchte es eine Thematisierung jenes Glutkerns von Religion und Verheißung, eine Bearbeitung der „Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf“ (Habermas, Glauben und Wissen, 30) nicht nur in praktischer, sondern auch in semantischer Hinsicht, und die bleibt Godspeed schuldig. Godspeed, das Schiff, das die Verheißung einer guten Reise im Namen Gottes,

„Gottes Geschwindigkeit“ (Michael G. Bauer, Running Man, 2007, 143)

im Namen trägt, wird abgewrackt.

Aber das ist natürlich auch eine Aussage über Religion.

Religionspädagogische Cliffhanger, fachdidaktische Herausforderungen und eine plötzliche Berührung mit der Realität: Aus der Werkstatt

Die Hoch-Zeit des Semesters ist keine gute Zeit, Bemerkungen zu Gelesenem in lesbare Worte zu fassen – und dann bekommt das Gelesene doch urplötzlich ungeahnte Aktualität: so werden es doch ein paar Zeilen mehr als der ursprünglich angedachte Werkstattbericht über Texte, die mir als religionspädagogisch relevant und einer näheren Auseinandersetzung wert in den letzten Wochen untergekommen sind:

Goodspeed etwa von Beth Revis, eine Trilogie, von der ich bislang erst den ersten Band gelesen und verwundert registriert habe, dass seine Widmung auf den Worten

Dei gratia (Revis, Godspeed. Die Reise beginnt, Taschenbuchausgabe, Hamburg: Oetinger 2013, 4)

endet und das Religionenthema (neben vielen anderen Fragen der Anthropologie und der Sozialität) sehr betont eingeführt,

„‚Diese Schiff heißt Godspeed‘, sage ich und rücke das Kreuz so zurecht, dass es in der Mitte meiner Brust liegt.

‚Godspeed bedeutet nur gute Reise.‘

Ich wende mich von Junior ab und betrachte die vielen kleinen Türen, hinter denen gefrorene Menschen liegen. ‚Es bedeutet mehr als das.'“ (Revis, Goodspeed. Die Reise beginnt, 2013, 234),

dann aber nicht weiter ausgeführt wird: ein religionspädagogischer Cliffhanger sozusagen, den ich bislang aber noch nicht weiter verfolgt habe, später also dazu vielleicht mehr.

Auf Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen von Jacqueline Kelly (üb. Birgit Kollmann, München: Hanser 2013) bin ich – wie schon so oft – über meine Kinder aufmerksam geworden und noch nicht einmal ganz durch, kann aber schon bemerken, dass es um ein fachdidaktisch brisantes Thema, den Konflikt zwischen christlichem Schöpfungsglauben und Evolutionstheorie geht, der hier im Gewand eines historischen Jugendromans daherkommt, auch dazu: später vielleicht mehr.

Dann aber, ebenfalls angestoßen von meinen Kindern und deren Schullektürue, und während ich beginne, dies zu schreiben, plötzlich von drängender Aktualität, weil beim Seitenblick in die Zeitung mir der Name des Autors in die Augen sticht, Henning Mankells großartige Joel-Reihe: Der Hund, der unterwegs zu einem Stern war, Die Schatten wachsen in der Dämmerung, Der Junge, der im Schnee lief und Die Reise ans Ende der Welt (verschiedene Ausgaben): eine Art Entwicklungsroman, der immer wieder an die Grenzen der Existenz vorrückt, religiöse Fragen umspielt und an die Peripherie von Menschsein und Gesellschaft gelangt, gar an ihr spielt und mich mehr und mehr berührt hat. Und gerade lese ich, dass Henning Mankell gestern auf seiner Website von seiner Krebsdiagnose berichtet hat – diesmal nicht als literarische Fiktion, sondern bedrängend wirklich: die besten Wünsche für ihn, der mir als Erzähler vertraut, als Mensch aber unbekannt ist – und doch verwandt.