Christologiedidaktik, Kinder- und Jugendliteratur und Milieuforschung

Gestern habe ich im Rahmen eines Studientages im Haus am Dom in Frankfurt versucht, Bezüge zwischen den Ergebnissen der modernen Milieuforschung und den Herausforderungen einer Christologiedidaktik besonders für den schulischen Religionsunterricht herzustellen. Angesichts der Datenlage ist es nicht möglich, den publizierten Milieustudien direkt christologiedidaktisch relevante Hinweise zu entnehmen, auch die einschlägigen Kirchenstudien beschränken sich auf Bemerkungen zur Gottesfrage und zur Kirchenbindung (vgl. z.B. Marc Calmbach u.a., Wie ticken Jugendliche? 2012. Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland, Düsseldorf 2012; MDG-Milieuhandbuch 2013. Religiöse und kirchliche Orientierungen in den Sinus-Milieus®, München/Heidelberg 2013; Carsten Wippermann, Milieus in Bewegung. Werte, Sinn, Religion und Ästhetik in Deutschland, Würzburg 2011). Andererseits scheinen diese Studien sich doch als ein hilfreiches Werkzeug für eine besser an den Adressatinnen und Adressaten orientierte kirchliche (und vermutlich auch pädagogische) Praxis zu erweisen.

Diese Praxis scheint mir in religionspädagogischer Hinsicht – trotz eines immer noch eher desaströsen Forschungsstandes:

Obwohl „die Christologie gerade angesichts notwendiger interreligiöser Dialogbemühungen im Fokus von Theologie und Religionspädagogik steht, sind christologiedidaktische Überlegungen rar. Auch empirische Forschungen zu christologischen Konzeptionen von Kindern und Jugendlichen liegen kaum vor. Die wenigen Studien deuten jedoch an, dass bei christologischen Themen der Graben zwischen der Perspektive der SchülerInnen und der Perspektive von Theologie und Kirche ausnehmend breit ist … Daher erscheint es besonders schwierig, christologische Fragestellungen fachdidaktisch zu reflektieren. Denn was theologisch überzeugt, ist häufig mit der Lebenswelt und dem Glauben der Jugendlichen nur schwer zu verschränken – und umgekehrt.“  (Claudia Gärtner, Ästhetisches Lernen.
Eine Religionsdidaktik zur Christologie in der gymnasialen Oberstufe, Freiburg/Br. 2011, 259)

– gerade in der Christologiedidaktik ihren wesentlichen Angelpunkt zu finden, muss es in ihr doch zentral um die menschlich erfahrbare Handlungsfähigkeit Gottes in der Welt gehen, die sich in Jesus inkarniert. In der Kinder- und Jugendliteratur wird diese Handlungsfähigkeit, gerade auch mit Blick auf Jesus, immer wieder zum Thema, so erst jüngst bei Alois Prinz, Jesus von Nazaret, Stuttgart/Wien 2013, bei Arnulf Zitelmann, Ich, Tobit, erzähle diese Geschichte. Ein Roman aus der Jesus-Zeit, Düsseldorf 2009, oder auch, eher im Bereich der fantastischen Literatur, bei Guus Kuijer, Das Buch von allen Dingen.

Grund genug, hier die christologiedidaktische Milieu-Heuristik, die ich gestern in Frankfurt vorgetragen haben, wenigstens kurz vorzustellen. Mit ihr lassen sich, so hoffe ich und zeigte es sich gestern auch in der Diskussion, möglicherweise Ideen für eine zukunftsfähige Christologiedidaktik entwickelt – selbst dann, wenn diese Heuristik ihrerseits sich schließlich als nicht tragfähig erweisen sollte. Anliegen dieser Heuristik ist es, die Milieustudien auf ihre christologiedidaktische Anschlussfähigkeit hin zu überprüfen und umkehrt zu fragen, wie sich christologische Kernthemen aus der Perspektive der verschiedenen Milieus darstellen, mit einem Wort: nach wechselseitigen Korrelationsmöglichkeiten zu suchen, die eine Bestimmung der Lernausgangslage christologischen Lernens ermöglichen, mögliche Widerstände aufspüren helfen, aber auch vorhandene Zugänge identifizieren.

Dazu erscheinen drei Perspektiven hilfreich, die sich aus einem wechselseitigen Spiegelungsprozess von christologischen bzw. christologiedidaktisch relevanten Themen einerseits und den Ergebnissen der Milieuforschung andererseits ergeben.

1. die Frage des ästhetischen Zugangs zur Christologie, womit zunächst Bilder, dann aber auch andere Kunstwerke gemeint sind, die sich in eine be- und gewusste Distanz zu Jesus stellen (im Sinne von C. Gärtners Idee einer reflektierten Polysemie) und so helfen, Jesus sehen zu lernen: ästhetische und Stilfragen sind milieuspezifisch verschieden, Bilder, die in je verschiedenen Milieus möglicherweise ganz unterschiedlich präferiert werden, erlauben je verschiedene, in einer heterogenen Lerngruppe jedoch überaus produktive Zugänge zu Jesus.

2. die Frage des biographischen Zugangs, genauer: die Frage des Lebenslaufkonzeptes, das in den unterschiedlichen Grundorientierungen der verschiedenen Milieus ganz unterschiedlich konzipiert wird (zwischen Normalbiographie und der Perspektive der Unplanbarkeit des eigenen Lebens) und in das sich der jesuanische Leitgedanke von der Metanoia (vgl. Mk 1,14f) in je spezifischer, vor allem: unterschiedlicher Weise einträgt.

3. die Frage der Wertpräferenzen, die milieuspezifisch divergieren und vielgestaltig Zustimmung und Widerspruch zu Teilen der Jesus-Überlieferung provozieren.

Korreliert man diese Perspektiven mit den Kompetenzbereichen etwa des hessischen Kerncurriculums, lassen sich der ästhetischen Perspektive die Kompetenzbereiche ‚wahrnehmen‘ und ‚deuten‘, der Wertperspektive der Kompetenzbereich ‚urteilen‘, der Lebenslaufperspektive die Kompetenzbereiche ‚kommunizieren‘ und ‚partizipieren‘ im Sinne erster Zugänge assoziieren, ohne dass damit erschöpfend Auskunft über das Potential dieser Perspektiven gegeben sei – gerade Andachtsbilder von Jesus zielen auf eine spezifische, wenn auch wohl nur in bestimmten Milieus attraktive Form der Partizipation. Die Assoziation erlaubt jedoch einen ersten christologiedidaktischen Zugriff sowohl auf milieuspezifische Präferenzen und Widerstände wie auch auf Themen und Inhalte der christologischen Tradition, die in einem kompetenzorientierten Unterricht heterogenitätsfreundlich in eine produktive (möglicherweise, das wurde in der Diskussion gestern auch deutlich, sogar religionsproduktive) Spannung gebracht werden können.

Über die genannten Texte habe ich damit noch kaum ein Wort verloren: dass sie ganz unterschiedliche, assoziativ auch ganz verschiedenen Milieus zuzuordnende Jesusbilder entwickeln, sei hier schon bemerkt. Eine ausführliche Würdigung (die ich schon seit längerer Zeit plane, aus Zeitgründen aber noch nicht realisiert habe) kann ich auch hier und jetzt jedoch leider nicht leisten.

Hier nur noch der Hinweis auf eine kurze christologiedidaktische Etude, die online verfügbar ist.