Der Geschichtenerzähler. Otfried Preußler ist gestorben

Geschichten seien wie Papierdrachen: Man nehme, so erzählt Otfried Preußler in seinen autobiographischen Skizzen,

„für den Papierdrachen eine meiner phantastischen Geschichten. Jede von ihnen hat ihren konkreten Ausgangspunkt in der Realität. Wie die bunten Papierdrachen, die wir als Kinder in den herbstlichen Himmel emporsteigen ließen, bleibt auch meine Geschichte ihrem Ausgangspunkt stets verbunden – so wie der Drachen der Erdenschwere an seiner Drachenschnur stets verbunden bleibt.

Und der Wind, der dagegen anbläst? Der Wind, der meine Geschichten emporträgt, zum Himmel und zu den Wolken empor? Der Wind ist die Phantasie. Ohne ihre beflügelnde Kraft gäbe es für meine Geschichten keinen Höhenflug. Sie blieben hilflos am Boden kleben wie der Papierdrachen, wenn kein Wind weht. Aber – und dies halte ich nun für ein entscheidendes Moment: Erst die Schnur ist es, die den Drachen dazu befähigt, sich auf dem Wind in die Lüfte emporzuschwingen und oben zu bleiben.

Ebenso brauchen auch meine Geschichten den Gegenzug, die Verbindung zur Erde, zur irdischen Realität. Nur dann können sie wirklich aufsteigen, können sie Höhe gewinnen und Höhe halten. Ohne die dauerhafte Verankerung in der konkreten Wirklichkeit, die nur scheinbar eine Fessel ist, blieben sie weiter nichts als ein paar traurige Fetzen Papier, vom Wind in die nächste Ecke getrieben. Und wenn die Verbindung zur Wirklichkeit während des Fluges abrisse, … dann kämen auch meine Geschichten ins Wackeln, ins Taumeln, ins Trudeln: der Absturz wäre dann unausbleiblich …“

(Otfried Preußler, Ich bin ein Geschichtenerzähler, Stuttgart 2010, 167f.)

Geschichten leben nicht von allein: sie brauchen jemanden, der ihnen Leben verleiht, der sie beflügelt. Ohne die Leserinnen und Leser bleiben sie flügellahm am Boden. Aber durch das Lesen, durch die Imagination und die Kraft der Phantasie beflügelt ermöglichen sie eine Distanz zum Erdboden,

„zur irdischen Realität“,

die ausgesprochen produktiv wird: Leserinnen und Leser werden zu Ko-Autoren der Geschichten. Diese ermöglichen es ihnen, Realität in der Distanz des Fiktionalen zu erleben. Die neue Perspektive, die Geschichten eröffnen, birgt bereits Lernchancen– das Gespräch über diese Perspektiven, über durch Geschichten eröffnete Imaginationsräume erschließt darüber hinaus Erfahrungen mit- und füreinander.

Otfried Preußler hat etwa mit  Krabat die Architektonik eines solchen Raum bereitgestellt, der es erlaubt, über religiöse Fragen und Themen ins Gespräch zu kommen. Zu dessen Baumeistern werden die Lesenden selbst. Bewohnbar ist er auch für sie aber nur auf Zeit.