„Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Erin Jade Lange, Halbe Helden | Joh 8,32)

Wie ein Umzugskarton kommt Erin Jade Langes Roman Halbe Helden (üb. Jessika Komina und Sandra Knuffinke, Magellan, Bamberg 2015, 978-3-7348-5010-3) daher: in einem Umschlagpapier, das förmlich nach Umzug duftet und sich auch fast so anfühlt, mit Warn- und Hinweiszeichen versehen – und erst nach und nach erschließt sich deren Bedeutung: Billy D. lebt zusammen mit seiner Mutter auf der Flucht vor dem gewalttätigen Vater, sein Name  (Billy Drum) spricht über seine Geschichte (wie die Städtenamen, die es zu entschlüsseln gilt), Billy  hingegen tut es nicht und Dane Washington, gewissermaßen auch ein sprechender Name, der Ich-Erzähler, kommt der Geschichte auch nur nach und nach und genau besehen über 331 Seiten auf die Spur. Der Roman – er erinnert ein wenig an John Greens Text über Margos Spuren – ist relativ rasch erzählt: Dane hat seine Aggressionen nicht im Griff, schlägt zu oft und zu fest zu  und wird durch die Begegnung mit Billy D. –

„Er ist schließlich kein Mongo“ (Lane, Halbe Helden, 43)

aber

„kognitiv beeinträchtigt“ (ebd.)

– zuerst dahin geführt, fast genau in der Mitte des Buches zu entdecken:

„Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Lane, Halbe Helden, 145)

und am Ende tatsächlich merklich weniger aggressiv und gewalttätig zu sein.

Und so ist es eine katechetisch anmutende Parabel, die Erin Jade Lange erzählt und die wenig offen lässt (das weitere Schicksal Billy D.s vielleicht, dessen Flucht nach der kurzen, verwandelnden Begegnung mit Dane weitergeht), einen biblischen Satz neu kontextualisiert und gefällig verpackt, ein Entwicklungsroman, der aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen beiläufig und wie selbstverständlich einspielt (Seely, die Danes Freundin wird, hat zwei Väter und einen biologischen noch dazu) und ein Kind mit Behinderung – Billy D. – in die Mitte stellt. War’s das?

Vielleicht nicht ganz. Vielleicht braucht es tatsächlich auch solche Geschichten, die Handlungs- und Identifikationsmuster anbieten, Perspektivenwechsel, die in Gestalt sprechender Namen auf die Doppelbödigkeit unserer Wirklichkeitserfahrung, ihren symbolischen Abgrund aufmerksam machen und so tatsächlich zu einer Einführung in eine andere Lesart des Wirklichen werden. Vielleicht sind katechetische Parabeln manchmal doch nicht so schlecht.

Vielleicht lassen sie sich auch heute noch erzählen. Vielleicht aber nur in der flüchtigen Form eines Umzugskartons.