Kirchenraub

Kirsten Boie gehört zu den Vielschreiberinnen in der gegenwärtigen deutschen KJL-Szene. Zahlreiche ihrer Bücher behandeln Themen, die das religionspädagogische Interesse wecken können, weil in ihnen wichtige Fragen nach dem Stellenwert von Religion in der modernen Gesellschaft angesprochen werden. Die Bücher sind gut lesbar, weil auch sprachlich reflektiert und auf die intendierte Leser/innenschaft abgestimmt – es schadet nicht, wenn sich ausgewiesene Literaturwissenschaftlerinnen ganz praktisch-produktiv mit Literatur beschäftigen. Schon erwähnt habe ich das Traditions-Buch Der durch den Spiegel kommt: eine gelungene postmoderene Umspielung von Themen, die Astrid Lindgren noch sehr konventionell durchbustabiert hatte. Weiter erwähnenswert, wenn ich auch erst zu gegebener Zeit vorhabe, es zu besprechen, ist Krippenspiel mit Hund (Hamburg 1997), ein interreligiös interessiertes Weihnachts-Erstlesebuch, oder der Jugendroman Die Medlevinger (Hamburg 2004). Dieser fantastische Krimi in vier Teilen, so der Untertitel, greift den biblischen Mythos von Kain und Abel (Gen 4) auf und schreibt ihn in die Gegenwart fort. Auch Alhambra (Hamburg 2007) ist ein Jugendroman, steht im Erbe der Ringparabel Lessings und präsentiert in einer Erzählung mit fantastischen Elementen gut aufbereitet die Geschichte Spaniens um das Jahr 1492.

Ich muss gestehen, dass mich vor diesem Hintergrund das neue (nicht das neueste – inzwischen gibt es noch ein Ritter-Trenk-Vorlesebuch) Kinderbuch Der kleine Ritter Trenk und der Große Gefährliche (Hamburg 2011) irritiert hat. Nach dem Erfolg von Der kleine Ritter Trenk (Hamburg 2006) – der Roman wurde verfilmt, lief im Kinderkanal von ARD und ZDF und ist inzwischen auch als DVD erhältlich – hat Kirsten Boie dem ehemaligen Leibeigenen Trenk Tausendschlag eine neue mittelalterliche Geschichte erdichtet, in der viele Bekannte aus dem ersten Roman erneut begegnen. Die Geschichte ist rasch erzählt: ein Drache, der „Große Gefährliche“, macht die Gegend unsicher, Trenk soll ihn besiegen, und mit viel Glück – der „Große Gefährliche“ verliebt sich in die schon aus Der kleine Ritter Trenk bekannte friedliche Drachenmutter – gelingt es ihm mit Hilfe seiner Freundinnen Thekla und Köhlermariechen auch, die Gefahr, die vom „Großen Gefährlichen“ ausgeht, zu bannen.

Religionspädagogisch bemerkenswert ist eine mit dieser Haupterzählung verwobene Handlung, in der es um einen Kirchenschatz geht. Die Kathedrale des Herrn Fürsten wurde ausgeraubt.

„‚Die Kathedrale ausgeraubt?“, riefen … auch Trenk und Thekla und überhaupt alle, die an der Tafel versammelt waren, und sie riefen es voller Abscheu. Ein Kirchenraub war in der finsteren Ritterzeit nämlich so ungefähr das schlimmste Verbrechen, das man sich vorstellen konnte, und darauf stand sogar die Todesstrafe; was ja vielleicht etwas merkwürdig ist, wenn man sich überlegt, dass niemand sich darüber aufregte, wenn ein Ritter seine Bauern auspeitschte.“ (Der kleine Ritter Trenk und der Große Gefährliche, 26)

Irritiert hat mich hier zunächst nicht die Gegenüberstellung von Kirchenraub und Folter, sondern das Attribut finster: es transportiert eine Vorstellung des Mittelalters, die zwar verbreitet, dennoch aber nicht zutreffend ist, und konstituiert, vorgetragen von einer auktorialen Erzählerfigur, eine Folie, die dem Thema Religion alles andere als gerecht wird. Und das gerade weil die Erzählerfigur dem „finsteren“ Mittelalter mit einem stark aufklärerischen Gestus begegnet. So wird das Auffinden einer gestohlenen Statue folgendermaßen kommentiert:

„‚Die Marienstatue!‘, flüsterte Thekla, und jetzt hielt sie eine hölzerne Figur in die Luft, die war so wunderschön, dass die Köhler auf einen Schlag alle ganz still wurden. Die Figur war eine Frau im blauen Mantel mit einem Baby auf dem Arm, und um ihren Kopf glänzte ein Sternenkranz, der sah aus, als wäre er aus purem Gold; und was genau eine Marienstatue ist, erkläre ich dir vielleicht später, wenn dieKinder uns Zeit dafür lassen. …

Du wärst von dieser Statue bestimmt nicht ganz so begeistert gewesen wie die Köhler, du hast so was vielleicht schon öfter gesehen; und außerdem musst du bedenken, dass es damals im finsteren Mittelalter für Kinder noch kein Spielzeug gab wie heute, und für arme Bauernkinder und arme Köhlerkinder schon gar nicht. Da war so eine hölzerne Figur, die ziemlich haargenau aussah wie ein Mensch, etwas ganz Besonderes. Und auch für die erwachsenen Köhler war es das allererste Mal, dass sie so etwas zu Gesicht bekamen, denn bis zur Kathedrale kamen sie aus ihrem abgelegenen Dorf natürlich nie, und darum drängten sie sich jetzt alle um Trenk und starrten die Maria an.“ (Der kleine Ritter Trenk und der Große Gefährliche, 87f)

Ganz ähnlich folgendes Beispiel, hier geht es um den Geisterglauben:

„Na, du findest das bestimmt ziemlich albern, weil du ja weißt, dass es böse Geister gar nicht gibt, es gibt ja nicht mal nette Geister. Aber die Menschen damals in den finsteren Zeiten wussten das eben noch nicht und glaubten an alle möglichen Sachen, über die wir heute nur lachen; und darum bekamen die Börer jetzt also auf einen Schlag einen gehörigen Schreck.“ (Der kleine Ritter Trenk und der Große Gefährliche, 138).

Und wenige Zeilen später gipfelt die historische Desinformationskampagne in folgendem auktorialen Kommentar:

„Denn wenn der Herr Fürst jetzt womöglich wirklich glaubte, dass Trenk mit bösen Geistern im Bunde war, dann konnte das ganz schrecklich gefährlich für ihn [Trenk] werden. Wenn damals die Menschen so etwas glaubten, dann machten sie nämlich nicht viel Federlesens, sondern verbrannten den Verdächtigen einfach auf einem Scheiterhaufen. Lieber als kleine Jungs verbrannten sie allerdings Frauen, weil sie nämlich gern glaubten, dass diese Hexen wären, und kleine Jungs sind das ja eher selten.“ (Der kleine Ritter Trnk und der Große Gefährliche, 138)

Hexenverbrennungen sind ein neuzeitliches Phänomen, der Konnex zum „finsteren“ Mittelalter ist schlicht falsch und in einer Kindergeschichte, die den Anspruch historischer Information mitbringt, völlig fehl am Platze. Dass die Ritter-Trenk-Romane ins Genre phantastischer Kinder- und Jugendliteratur gehören (Drachen sind ein ziemlich sicheres Anzeichen dafür), entschuldigt diesen Missgriff m.E. nicht: zu offensichtlich fungiert die Erzählerfigur als Schnittstelle zwischen realer und fantastischer Welt, die zwinkernd die Nichtexistenz von Drachen eingesteht, auf der Zuverlässigkeit ihrer historischen (Des-)Informationen jedoch insistiert. Ich empfinde diese Erzählerfigur als unwahrhaftig. Kinder haben mehr verdient.

 

 

 

Von alten Melodien: über die Macht verklingender Traditionen

Ob man den Traditionsabbruch als Krise, Herausforderung oder sogar Chance religiösen Lernens versteht: ohne eine Berücksichtigung des Phänomens, dass die Weitergabe nicht nur religiöser Traditionen in unserer Gesellschaft zumindest, vorsichtig gesagt, ins Stocken gekommen ist, lassen sich religiöse Lernprozesse weder beschreiben noch gestalten. Für das Christentum, das dem Gedanken der traditio in vielfacher Weise verpflichtet ist, ist die Krise der Tradition in jedem Fall höchst brisant.

Eine Tradition ganz eigener Art habe ich in zwei Büchern gefunden, die im Abstand von 47 Jahren (wenn ich richtig recherchiert habe) erschienen sind und ihrerseits eine Art Tradition nicht nur bilden, sondern auch thematisieren. Astrid Lindgrens Erzählung Mio, mein Mio, erstmals 1954 in Schweden erschienen, handelt von Bosse, einem Jungen, der in dem fantastischen „Land in der Ferne“ als Königssohn Abenteuer erleben darf, schließlich das Land aufgrund einer alten Prophezeiung von der Herrschaft des Bösen befreit.

Kirsten Boies Roman Der durch den Spiegel kommt erzählt 2001 eine ganz ähnliche Geschichte, in der sich vergleichbare Motive finden – bis hin zur Macht der Musik, die zuletzt sogar das Böse bannt.

„Und wir nahmen unsere Flöten. Unsere müden Hände konnten sie beinah nicht halten. Wir spielten die alte Melodie. Jum-Jum weinte, als er sie spielte. Die Tränen rannen über seine Wangen. Vielleicht weinte ich auch sehr, ich auch, ich weiß es nicht. Die alte Melodie klang schön, aber sie ertönte so schwach, als wisse sie, daß auch sie bald sterben sollte.“ (Lindgren, Mio, mein Mio, Hamburg 1984, 155)

Bei Kirsten Boie klingt die Melodie ganz ähnlich:

„‚Spiel wenigstens ein Lied, Rajún, sagte ich, als die Sonne schon hoch am Himmel stand; wir waren über Hügel gewandert und durch Schluchten, und wenn wir geglaubt hatten gleich einen Baum, einen Hügel oder einen Bach zu erreichen, lag er plötzlich links von uns oder rechts. ‚Spiel wenigstens mein Trostlied. Ich glaube, meine Zuversicht reicht nicht mehr weit.‘

Da zog Rajún die Mundharmonika aus seiner Tasche und spielte, und das klang so traurig auf den Wandernden Wegen und zum ersten Mal tröstete mein Trostlied nicht.“ (Boie, Der durch den Spiegel kommt, Taschenbuchausgabe München 2004, 190)

Alte Trostlieder, deren Wirksamkeit nachzulassen scheint – hier klingt das Motiv verblassender Traditionen bereits an. Überdeutlich wird es dort, wo erzählt wird, warum die beiden Ich-Erzähler, Bosse bei Astrid Lindgren, Anna bei Kirsten Boie, überhaupt die gefährliche Reise in das „Land der Ferne“ (Mio, mein Mio) bzw. das „Land-auf-der-anderen-Seite“ (Der durch den Spiegel kommt) auf sich nehmen. Bosse, der Königssohn ist auserwählt, als Prinz Mio den Kampf gegen den bösen Ritter Kato auf sich zu nehmen.

Auch Anna ist auserwählt. Zumindest geht sie, als Heldin gefeiert, davon aus – bis sie entdeckt, dass die alten Prophezeiungen:

„‚Und du bist immer noch die Kühne Kämpferin‘, sagte die Frau des Schmieds und lächelte mich an und ich verstand, dass ihr Lächeln mir Mut machen sollte. ‚Von der Prophezeiung verheißen seit undenklichen Zeiten. Du bist durch den Spiegel gekommen, wie die Prophezeiung es sagt, von Westen im Morgenrot: Und darum wirst du ihn besiegen.‘ Sie sah mir fest in die Augen. ‚Hör zu, kleines Mädchen‘, sagte sie. ‚Vielleicht wird es nicht leicht. Aber seit undenklichen Zeiten sagt uns die Verheißung, dass ein Kühner Kämpfer das Land befreien wird von Evil dem Fürchterlichen.'“ (Boie, Der durch den Spiegel kommt, 90)

dass diese alten Prophezeiungen gar nicht ihr gelten.

„‚Ich habe den Auftrag bekommen‘, sagte das Kaninchen und nun sprach es so schnell, dass man merkte: Es war froh, wenn es seine Geschichte endlich erzählt hatte. ‚Ich sollte dem Kühnen Kämpfer den Spiegel bringen. Der Meister selbst hat ihn mir gegeben: den SPiegel und den Plan, aber ich habe gleich gesagt: Vielleicht bin ich noch nicht so weit, Meister! Ich bin ja nur ein Kaninchen! Aber er hat nur gelacht. Und ich habe es ja gewusst: Ich habe den Plan verloren. Auf dem verzeichnet war, wo ich den Kühnen Kämpfer finden würde.‘

‚Du hast den Plan verloren`‘, rief der Schmied.

‚Oh, nur den Plan, nur den Plan, nicht den Spiegel!‘, rief das Kaninchen. ‚Auf den Spiegel habe ich Acht gegeben! Aber dann habe ich Rast gemacht, an einer ganz unmöglichen Stelle übrigens.'“ (Boie, Der durch den Spiegel kommt, 140)

Anna ist nicht die, die sie zu sein glaubt, sie war nur zur falschen Zeit an einer „unmöglichen Stelle“. Hier klingt die Identitätsfrage an, die in vielen Kinder- und Jugendbüchern eine zentrale Rolle spielt. Aber es klingt auch die Frage an, welche Macht alte Geschichten, Prophezeiungen, Traditionen haben können, die von der Überwindung des Bösen erzählen. Und zwar selbst dann, wenn sie zufällig auf Adressaten treffen, die sich diesen Traditionen nicht mehr zugehörig fühlen, gar nie von ihnen gehört haben.

„Die Falsche kann die Richtige werden“, so heißt in Der durch den Spiegel kommt das Kapitel, in dem Anna sich bewusst entscheidet, sich die alte Prophezeiung, von der sie überzeugt ist, dass sie ihr nicht gilt, aneignet.

„Es war die Musik, die mich zurückholte, eine leise Melodie auf der Mundharmonika, und noch bevor ich die Augen aufschlug, wusste ich schon, dass ich jetzt ins Leben zurückkehren musste. …

‚Aber was wäre*‘, fragte der Bauer, *wenn wir doch noch einmal versuchten unser Schicksal in die eigenen Hänge zu nehmem? Was wäre – wenn du es versuchtest?‘

‚Ich?‘, sagte ich und vor lauter Schreck und Erstaunen verschüttete ich den halben Becher Milch. ‚Aber ich bin nicht euer Kühner Kämpfer!‘

Die Bäuerin nickte ernst. ‚Das wissen wir ja‘, sagte sie. ‚Du bist ein Kind und nicht besonders groß und gerade jetzt bist du geschwächt vom Fieber. Aber du du bist die Einzige, bei der der Versuch lohnt.‘

‚Ich?‘, frage ich erschrocken. ‚Warum?‘

‚Du bist durch den Spiegel gekommen!‘, rief Rajúin aufgeregt.“ (Boie, Der durch den Spiegel kommt, 143-147, passim)

„Die Flasche kann die Richtige werden, wenn sie es nur versucht.“ (Boie, Der durch den Spiegel kommt, 149) Die Richtige sein – das gehört in die Identitätsproblematik und ist damit ein für die KJL zentrales Thema. Aber das Richtigsein wird hier von alten Geschichten, alten Herausforderungen, Prophezeiungen bestimmt. Alte Melodien, die Herausforderungen enthalten, durch die Menschen über sich hinauswachsen.

Am Ende ist Anna schon besiegt von Evil, dem Schrecklichen.

„Ich lauschte meinem Lied, als es geschah. Ich lauschte meinem LIed und ich spürte seinen Trost und eine große Ruhe kam über mich, als ich Evil entgegenging, das Medaillon in meinem Blick.

Der Glanz verlosch.

Das furchtbare Leuchten erlosch, und als ich es sah, glaubte ich es nicht, und als ich es glaubte, war der Fürchterliche schon verschunden: Als wäre er geschmolzen wie alter Schnee, und wo eben noch ein grausamer Ritter gedroht hatte, furchbar in seiner kalt leuchtenden Rüstung, stand jetzt ein kleiner grauer Mann, gebückt, mit erschrockenem Gesicht, und umklammerte das Medaillon mit zitternden Fingern.

‚Evil!‘, flüsterte ich. ‚Evil!‘ (Boie, Der durch den Spiegel kommt, 226f.)

Und so wird der böse Ritter entzaubert von einer Melodie und einer Geschichte, die ihre Macht schon verloren zu haben schien. Und Anna kommt auch noch zurück nach Hause.

Der durch den Spiegel kommt ist zugleich eine Gottesgeschichte. Der-über-den-Wolken-wohnt ist derjenige, der die Geschichte anstößt, und er ist es auch, mit dem sie endet. Er freut sich. Er lacht.