Der „Pflaumenbaum der Erkenntnis“ (N. Brieden). Noch einmal: Nichts (Janne Teller)

In der aktuellen Ausgabe der Katechetischen Blätter (138. Jahrgang 2013, Heft 2) beschäftigen sich Norbert Brieden (siehe auch hier) und Fabian Sauer im Kontext der Frage nach dem „Sinn des Lebens“, so der Hefttitel, mit Janne Tellers Roman Nichts. Brieden interpretiert Nichts als „Parabel auf die Sündenfallgeschichte“ (Norbert Brieden, Die ungeheuerliche Story von ‚Nichts‘, KatBl 138 [2013], 96-101, 98-100):

„Der Baum [sc. der Pflaumenbaum, auf dem Pierre Anthon sitzt] kann als Symbol für die Anmaßung interpretiert werden … Schließlich verlieren die Jugendlichen durch das Geschehen ihre kindliche ‚Unschuld‘, ihren naiven Glauben an einen Sinn. Sie werden infiziert mit den nihilistischen Früchten des Pflaumenbaums, gerade indem sie Pierre Anthon verzweifelt etwas entgegensetzen wollen.“ (Brieden, Die ungeheuerliche Story von ‚Nichts‘, 98f)

Es handelt sich um den

„Pflaumenbaum der Erkenntnis“ (Brieden, Janne Tellers Roman „Nichts“, 13f.).

Der Genuss seiner Früchte führt in völlige Isolation, er macht ein menschenwürdiges Leben unmöglich – wie bei Sofie, die

„an einen Ort [kam], wo Menschen wie sie vor sich selbst geschützt werden“ (Janne Teller, Nichts, 140.

Dazu passt eine weitere Idee Briedens aus seinem bereits genannten, gerade schon zitierten, online publizierten Beitrag Janne Tellers Roman „Nichts“. Theologische und religionspädagogische Perspektiven:

„Andererseits steht Gott dann schon an der Eingangstür des Romans“ (Brieden, Janne Tellers Roman „Nichts“, 13f.)

– vielleicht jener eigenartig-einladend lächelnden Tür, die sich zum fantastischen Reich Pierre Anthons öffnet (vgl. Brieden, Die ungeheuerliche Story von „Nichts“, 99, der den fantastischen Charakter der Geschichte betont), nur: er lässt sich nicht jenseits von ihr finden.

Wer durch die Tür geht, betritt nicht das Paradies von dem Nikolaus Herman in dem Weihnachtslied „Lobt Gott, ihr Christen alle gleich“ singt:

Heut schließt er wieder auf die Tür / zum schönen Paradeis; der Cherub steht nicht mehr dafür. / Gott sei Lob, Ehr und Preis, Gott sei Lob, Ehr und Preis! (Gotteslob 134, 6. Strophe)

Wer durch diese Tür schreitet, verlässt den Bereich der Realität, um aus eigener Kraft den Nihilismus abzuwehren. Dieses alleinige, gott-lose Setzen auf die eigene Kraft nennt die Theologie „Sünde“. Ihre Wirklichkeit spielt Tellers Roman, Tellers Sündenfall-Parabel jenseits der lächelnden Tür durch. Ob Gott sich diesseits von ihr finden lässt? Inkarnationstheologisch gewiss. Religionspädagogisch bleibt dieses Sich-finden-lassen eine Herausforderung.

Hinweis: Nichts

Zu Janne Tellers Roman Nichts hat der Wuppertaler Kollege Norbert Brieden einen Beitrag veröffentlicht, der auf der Seite „religion-im-kinderbuch.de“ online einsehbar ist.