Die Schüler von Winnenden

Die Schüler von Winnenden. Unser Leben nach dem Amoklauf (Marie Bader, Marie-Luise Braun, Steffen Sailer, Annabell Schober, Jennifer Schreiber, Pia Sellmaier in Zusammenarbeit mit Daniel Oliver Bachmann, Würzburg 2013) passt nicht hierher: Wie schon bei Ela Aslan, Plötzlich war ich im Schatten, das sich im letzten Jahr auf der Empfehlungsliste des Kath. Kinder- und Jugendbuchpreises fand, handelt es sich um ein dokumentarisches Buch. Es versammelt Erinnerungen von 5 Schülerinnen und Schülern und einer Lehrerin und eröffnet biographische Perspektiven auf den Amoklauf von Winnenden am 11. März 2009 und das Ringen der Überlebenden um ein normales Leben in der Zeit danach. Schonungslos und einfühlsam zugleich konfrontiert es mit den Ängsten, den Albträumen und der Einsamkeit von Menschen, die ein

„unerwartetes Ereignis“ (Bader u.a., Die Schüler von Winnenden, 141)

aus dem Alltag gerissen hat. Und es verweigert das Happy End. Das Geschehene ist nicht ungeschehen zu machen. Man kann nur langsam lernen, damit zu leben.

Nicht bloß „woanders“

Dass etliche Bücher der diesjährigen Empfehlungsliste des Kath. Kinder- und Jugendbuchpreises um die Frage, wo „hier“ und wo „woanders“ sein könnte, kreisen und den Perspektivenwechsel einüben, hatte ich schon angemerkt. Ein genauerer Blick zeigt noch mehr.  Bei vielen der Titel handelt es sich nämlich um Unterwegsgeschichten im weiteren Sinne, um Geschichten von Fluchten und Pilgerfahrten. Dazu zählen:

  • Tamara Bach, Was vom Sommer übrig ist, Hamburg: Carlsen 2012 (Ausfahrt im geklaut-geliehenen Auto der Großmutter).
  • Ela Aslan, Plötzlich war ich im Schatten. Mein Leben als Illegale in Deutschland, Würzburg: Arena 2012 (Flüchtlingsschicksal)
  • Frank Cottrell Boyce, Der unvergessene Mantel, Hamburg: Carlsen 2012 (Flüchtlingsschicksal).
  • John Green, Das Schicksal ist ein mieser Verräter, München: Hanser 2012 (Reise nach Amsterdam).
  • Joke van Leeuwen, Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor, Hildesheim: Gerstenberg Verlag 2012 (Flucht).
  • Susann Opel-Götz, Außerirdisch ist woanders, Hamburg: Oetinger 2012 (Umzug aus sozialen Gründen).
  • Michael Roher, Zugvögel, Wien: Picus-Verlag 2012 (Flüchtlingsschicksal).
  • Jordan Sonnenblick, Buddha-Boy, Hamburg: Carlsen 2012 (Umzug aus sozialen Gründen).
  • Germano Zullo, Wie die Vögel, Hamburg: Carlsen 2012 (Reise an den Abgrund).

Zeitdiagnostisch ist dieser Befund überaus bemerkenswert, scheint er doch über die Virulenz der Flüchtlingsproblematik hinaus nahezulegen, dass Kinder und Jugendliche für die Thematik empfänglich sind, sich in ihr womöglich widerspiegeln – vielleicht, weil sie sich Kindheit und Jugend derzeit selbst in Bewegung befinden, auf der Suche, ohne wirkliche Heimat.

Bei der Suche nach den Gründen ist wohl ein wenig tiefer zu bohren, und es bietet sich religionspädagogisch zumindest  eine Perspektive an: Hans Schmid, bekannt u.a. als Autor von „Die Kunst des Unterrichtens“, 2012 als Neuauflage erschienen, hat in einem auch online verfügbaren lesenswerten Aufsatz[1] auf zentrale Probleme des Kompetenzansatzes hingewiesen, der, ich spitze mit meinen eigenen Worte zu, einerseits heterogenitätssensibel, in sozialer Hinsicht aber klar unterbestimmt sei und so die Vereinzelung und die Vereinsamung auch im Klassenzimmer fördere. Diese Diagnose von Schmid ist durchaus richtig und als Gefahrzeichen um so eindrucksvoller, wenn genau diese Vereinsamung und Heimatlosigkeit zum Thema so vieler KJL wird, die das Lebensgefühl von Kindern und Jugendlichen heute literarisch und symbolisch verdichtet. Und da sich die Kompetenzorientierung in ein größeres Ensemble an Maßnahmen und Tendenzen, die die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen heute nachhaltig verändern, einfügt, wäre tatsächlich einmal darüber zu sprechen: wo liegen die Gründe für die kinder- und jugendliterarisch verarbeitete Erfahrung von Entwurzelung, von Auf-der-Reise- und Unterwegs-Sein? Natürlich: Flüchtlingserzählungen haben einen gesellschaftspolitischen Aufhänger. Die Erzählungen jedoch wechseln doch auf bemerkenswerte Weise die Perspektive, indem sie zeigen, wie das Vertraute aus anderem Blickwinkel betrachtet unvertraut wird (Der unvergessene Mantel!) – und so auch einen kleinen Beitrag zur Etablierung, Thematisierung, Bearbeitung dieses Unvertrauten leisten. Oder anders: die Flüchtlingsproblematik wird kinder- und jugendliterarisch nicht nur dokumentarisch, sondern interessegeleitet inszeniert – auch mit dem Fokus darauf, die Erfahrungen von Leserinnen und Leser für das Unvertraute, Unerfahrene zu sensibilisieren und, sicher auch, ein Stück weit für eine Verunsicherung zu sorgen, die über einen religionspädagogisch wünschenswerten Perspektivenwechsel hinausgeht: die Reise- und Fluchtmetaphorik scheint mir hier in Sachen Ansprechbarkeit der intendierten Leserinnen und Leser genauer auzuloten zu sein, mehr als Eskapismus ist sie m.E. allemal.



[1] Hans Schmid: Die Welt in Kinderhände? Die Rede vom ‚selbstgesteuerten Lernen im Unterricht. In: Stefan Altmeyer, Gottfried Bitter, Joachim Theis (Hrsg.): Religiöse Bildung – Optionen, Diskurse, Ziele. Praktische Theologie heute. Band 132. Stuttgart 2013, S. 127 – 138. Online: http://cargocollective.com/hansschmid/Die-Welt-in-Kinderhande-Die-Rede-vom-selbstgesteuerten-Lernen-im.

Ganz nah

Lampedusa, die Flüchtlingsinsel im Mittelmeer, ist durch den Besuch von Papst Franziskus vor wenigen Wochen für kurze Zeit wenigstens zu einem nahen „Woanders“ geworden: eine jener Peripherien, von denen der Papst gern spricht, an denen sich Kirche ereignet. Inzwischen, so mein Eindruck, ist die Insel wieder ins mediale Abseits geraten.

Dass Flüchtlingsschicksale ganz nah und ein Ereignis von Kirche auch bei uns sein können, erzählt Ela Aslan in Zusammenarbeit mit Veronika Vattrodt: Plötzlich war ich ein Schatten. Mein Leben als Illegale in Deutschland (Würzburg 2012) ist der Bericht der Flucht einer kurdischen Familie nach Deutschland und in die Schweiz jenseits der Legalität. Es sind schließlich Kirchen, die sich den Flüchtlingen öffnen und ein prekäres Asyl gewähren, die helfen, dass die nahezu aussichtslose Situation der Ich-Erzählerin, ihrer Geschwister und Eltern zuletzt ein gutes Ende findet – nach einer Zeit der Angst, der Demütigungen und des Misstrauens.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Ela, der ältesten Tochter, die nach der Flucht große Verantwortung für die Familie übernehmen muss und oft den Erwachsenen komplexe Entscheidungen abnimmt. Das gelingt oft und fällt doch schwer:

„‚Ich habe es so satt. Immer muss ich mich um alles kümmern. Immer bin ich für alles verantwortlich. Selin ist weg? Ela, das musst du regeln. Mein Herz tut weh. Ela, du musst mir einen Termin besorgen und mit dem Arzt sprechen. WIr brauchen etwas Bestimmtes von der Gemeinde? Ela, du musst hingehen und sie darum bitten. Weißt du, was, Papa? Ich mach nicht mehr mit, ich heirate und lebe mein eigenes Leben.“ (Aslan/Vattrodt, Plätzlich war ich ein Schatten, 158)

Elas Geschichte beginnt, als sie zehn Jahre alt ist, und sie endet 17 Jahre später. Die Umstände scheinen zu verdrängen, dass es sich um eine ereignisreiche Zeit im Leben eines jungen Menschen handelt. Die Sorgen und Bedürfnisse der Erzählerin finden kaum Platz in dem Bericht.

„In ein paar Tagen werde ich siebzehn. In unserem Dorf hätte ich bestimmt schon ein paar Verehrer, viele heiraten bereits mit achtzehn, neunzehn Jahren. Na ja, wenigstens muss ich mir darüber keinen Kopf machen – das Letzte, was mich im Moment interessiert, sind Jungs.“ (Aslan/Vattrodt, Plätzlich war ich ein Schatten, 137)

Ja, Ela ist einmal verliebt (S. 154) und will heiraten (s.o.), aber die Wirklichkeit ist stärker.

„‚Weißt du, was, Ela?“, fragt ihr Freund. „‚Ich kann dein Gerede über die ganzen Probleme nicht mehr hören. So schlimm wird es schon nicht sein!'“ (Aslan/Vattrodt, Plätzlich war ich ein Schatten, 163)

Doch, es ist so schlimm. Nur erschließt sich das Leben an der Peripherie des Wohlstands und der Sicherheit denen, die sich im Zentrum glauben, nicht oder nur sehr schwer. Elas Geschichte hilft vielleicht ein wenig, den Blick für dieses Leben zu weiten (siehe auch hier). „Woanders“ ist mitten unter uns.