[1] Die Chancen einer Begegnung von Kinder- und Jugendliteratur (KJL) und Religion(spädagogik) sind wechselseitig. So lässt sich in der KJL ein neues Interesse an religiösen Themen feststellen – zu nennen ist neben Jutta Richters wunderbarer Figur G. Ott beispielsweise die Arbeit am Wunderverständnis bei Michael G. Bauer, Running Man, bei Anne-Laure Bondoux, Die Zeit der Wunder oder bei Moritz Gleitzman, Einmal . KJL eröffnet andererseits weit mehr als „erwachsene“ Literatur einen Zugang zur Lese-, Lebens- und Erfahrungswelt von Kindern und Jugendlichen (vgl. nochmals Michael G. Bauer, Ismael-Trilogie).
[2] Während zum Themenfeld Theologie und Literatur zahlreiche Publikationen vorliegen, existiert eine zeitgemäße religionspädagogische und –didaktische KJL-Forschung erst in Ansätzen. Diese müsste sowohl eine religionspädagogische Hermeneutik der KJL entwickeln als auch ihr religionsdidaktisches Potential ausloten. Das Portal religion-im-kinderbuch.de bietet beispielsweise eine Platform dazu.
[3] Die religionspädagogische KJL-Rezeption muss sich im Diskurs um eine ästhetisch orientierte Religionsdidaktik verorten und kann an literaturtheologische Überlegungen (Magda Motté, Georg Langenhorst) anschließen.
[4] Religionsdidaktisch bedeutsam sind nicht nur Einsichten, die anhand der Lektüre gewonnen werden, sondern der Prozess des Lesens selbst. In ihm werden die Leser/innen zu Ko-Autor/innen des Textes, die ihre eigene Erfahrung in die Textwelt eintragen und durch sie modifizieren lassen. Mit den Mitteln einer literaturwissenschaftlich fundierten Theorie literarischer Kommunikation lässt sich das komplexe Interaktions- und Handlungsgefüge des Lesens beschreiben und religionsdidaktisch auswerten. Erste Hinweise dazu finden sich (in anderem Kontext) in der bibeltheologischen Didaktik von Mirjam Schambeck.
[5] KJL im Religionsunterricht öffnet Lebens- und Erfahrungsräume auf Zeit: Lehrer/innen können durch methodische Arrangements in den Leseräumen ihrer Schüler/innen zu Gast sein, wenn sie bereit sind, ihnen selbst ein Gastrecht in ihrem eigenen Leseraum einzuräumen. So werden (religiöse) Erfahrungen (mit Texten, durch Texte angestoßen, in dialektischer Distanz zum Text) fiktional gebrochen kommunizierbar. KJL im Religionsunterricht eröffnet einen Zugang zum „Vollzugssinn“ (Bernhard Dressler) von (religiöser) Erfahrung und die Chance, die religiöse Lerngruppe zum Ort religiöser Kommunikation werden zu lassen.
[6] Die Arbeit mit KJL braucht Methoden, die den Schüler/innen die Chance einer authentischen Auseinandersetzung mit den Charakteren und/oder Themen eröffnen (z.B. Lese-/Lerntagebuch für die persönliche Auseinandersetzung; Lesekonferenzen, szenische Umsetzung, gestalterische Inszenierungen, Übersetzungen in andere literarische oder künstlerische Gattungen als klar kommunikativ ausgerichtete Methoden) und diese Authentizität für den Lernprozess fruchtbar machen.