Gott in der Kinder- und Jugendliteratur

Paul Maars Übersams bringt mich dazu, kurz über Figuren in der KJL nachzudenken, die an Gott oder Götter erinnern und innerhalb fiktiver, erzählter Szenarien eine herausragende Rolle spielen. Dass auch die Erzählerfigur eine gott-analoge Rolle einnehmen kann, ist von solchen Gott-Korrelaten zu unterscheiden.

Zu solchen Gott-Korrelaten in aktuellen Kinder- und Jugendbüchern zählt, natürlich, G. Ott in Jutta Richters wichtigem Buch über den Hund mit dem gelben Herzen. Bei Kirsten Boie (Der durch den Spiegel kommt, Hamburg 2001) ist es „Der über den Wolken thront“. Guus Kuijer (Das Buch von allen Dingen) wendet die Gottesfigur christologisch und spricht vom Herrn Jesus. Irgendwo dazwischen steht J. K. Rowlings sich selbst opfernder, über allem schwebender Professor Albus Dumbledore in den Harry-Potter-Romanen; Dumbledore wird aber zuletzt doch recht radikal entzaubert und durch den sich selbst aus Liebe gleichsam entäußernden Professor Snape ersetzt. Dass Cornelia Funkes Autor-Figur Fenoglio gottähnliche Züge aufweist und eine (wenngleich fragile) Beziehung zwischen Autor, Erzähler und erzählter Figur aufbaut, habe ich schon erwähnt.Die Liste ließe sich wohl fortsetzen (und ich bin für weitere Hinweise dankbar), ich erwähne nur noch Ulrich Hub / Jörg Mühle, An der Arche um Acht (Mannheim 2007 – Rezension online verfügbar: Christ in der Gegenwart).

Eine genauere Analyse dieser Gott-Figuren (ist die Bezeichnung „Gott-Korrelate“ überhaupt sachgemäß?) wäre sicher hoch interessant. Gabriele Dreßings Versuch, Götter und ihre Helden im Jugendbuch (so der Untertitel des Beitrags: G. Dreßing, Erlöste Welten – Götter und ihre Helden im Jugendbuch, in: Jürgen Heumann [Hg.], Über Gott und die Welt. Religion, Sinn und Werte im Kinder- und Jugendbuch, Frankfurt/M. 2005, 41-58) zu beschreiben, leidet unter einer allzu holzschnittartigen und exegetisch so nicht haltbaren Unterscheidung zwischen dem alt- und neutestamentlichen Gottesbild:

„Der Welt des Alten und Neuen Testaments liegen unterschiedliche Gottesbilder zu Grunde, die für das Judentum und Christentum eigene Erlösungswege vorgeben. Der Gott des Alten Testaments steht den vorzeitlichen heidnischen Göttern noch näher als der christliche Gott des Neuen Testaments. In den frühen alttestamentarischen Schriften zeigt sich ein strenger, aufbrausender Gott, der durch Opfergaben besänftigt werden muss. Er herrscht mit starker Hand, straft Ungehorsam und duldet auch Kireg und Grausamkeiten, wenn sie in seinem Namen begangen werden. Andererseits ist er auch ein gnädiger, väterlich-gerechter Gott, der das Gute belohnt, und sich um den Menschen bemüht … Im Alten Testament verbirgt sich das Bild eines autoritären Gottes, der neben Glauben vor allem Gehorsam verlangt, was bedeutet, dass der Weg zum persönlichen Heil auf dem Prinzip von Lohn und Strafe beruht.“ (Dreßing, Erlöste Welten, 48.50)

Für das neutestamentliche Gottesbild schreibt Dreßing:

„Gott hat aus wohlwollender Liebe zu den Menschen seinen Sohn für die Sünden der Welt hingegeben, und sie durch seinen Tod und seine Auferstehung von dem Bösen erlöst.“ (Dreßing, Erlöste Welten, 50)

So ausgerüstet seziert Dreßing in ihrem Beitrag Gottes- und Erlösungsvorstellungen in der Kinder- und Jugendliteratur – und liefert damit ein gutes Beispiel dafür, wie ein kriteriologisches Herantragen von Gottesbegriffen an die Vorstellungen der KJL daran scheitert, dass das herangezogene Kriterium seinerseits unscharf, sogar falsch, im schlimmsten Fall darüber hinaus interessegeleitet ist.

Dass aktuelle Kinder- und Jugendliteratur etwas zum Thema Gott beizutragen hat, bleibt so darüber hinaus unentdeckt.

 

Das Übersams

Mit Sams im Glück hat Paul Maar soeben (Hamburg 2011) sein, wenn ich richtig gezählt habe, siebtes „Sams“-Buch vorgelegt, in dem vor allem die blauen Wunschpunkte zur Disziplin im Umgang mit dem Wünschen erziehen, weil sie jeden Wunsch genau so, wie er gewünscht wurde, erfüllen können. Und abgesehen davon, dass ich den Eindruck hatte, dass sich die Nachteile der Serienproduktion allmählich bemerkbar machen und manchen Einfällen die Spritzigkeit fehlt, handelt es sich auch nicht um ein Buch von herausragendem religionspädagogischen Interesse (es fügt sich auch nicht in die religiöse Spurenlese nach Magda Motté ein), wäre da nicht …

… ja, wäre da nicht das Übersams. Auch das Übersams begegnet in Sams im Glück nicht zum erstan Mal, ich nehme es aber dennoch zum Anlass, kurz auf das Konzept der Zweiweltigkeit einzugehen, dem eine ganz eigene Affinität zu religiösen Weltvorstellungen eignet. In religiöser Hinsicht ist der Gegensatz von Dies- und Jenseits, Menschen- und Götterwelt ja nicht unvertraut, und das beide Welten in einer kommunikativen Beziehung stehen auch nicht. Die Samswelt, in die das Sams mit dem Zauberspruch „Trofos“ hinüber und auch aus ihr wieder herüberwechseln kann, ist eine Welt mit eigenen, den Samsregeln, die im Regelbuch, welches das Übersams verwaltet, notiert sind. Das Sams, das nun schon seit mehr als fünfzehn Jahren bei Familie Taschenbier (inzwischen in dritter Generation) wohnt, stiehlt das Regelbuch, um die Taschenbiers vor der Verwandlung in Samse und das damit einhergehende Chaos zu bewahren.

Und damit begegnen dann Motive, die theologisch nicht ganz uninteressant ist. Der Einbruch des Samsigen bringt die Menschenwelt nämlich arg durcheinander. Das Haus der Taschenbiers steht unter Wasser, das Dach ist weggesprengt, die Arbeitsstelle und damit der Rest an Bürgerlichkeit ist weg – Paul Maar spart nicht Katastrophen. Auf der Suche nach seinem Regelbuch wünscht sich auch das Übersams in die Menschenwelt und vergisst – der Katastrophe größte! -, dass es auch wieder zurück in die Samswelt muss. Das Übersams muss kreativ werden:

„Kurz nach halb zwölf kam das Übersams die Treppe herunter, das Sams-Regel-Buch in der Hand.
‚Die Samsregel 925 ist gefunden! Alles ist mir wieder eingefallen‘, verkündete es. ‚Es wird Zeit, aufs Dach zu steigen.'“ (Maar, Sams im Glück, 194)

Der Kontakt mit der anderen, der Samswelt bringt das Gefüge der Menschenwelt durcheinander, das Buch, das die Samswelt regelt und auch Einfluss auf die Menschenwelt hat, kommt zur Menschenwelt und das Übersams gleich hinterher: wer hier ein turbulentes Spiel mit religiös imprägnierten Vorstellungen entdeckt, liegt vermutlich nicht falsch, und wer im Übersams eine literarische Götterfigur, diesmal von der gütigen Sorte, sieht, wohl auch nicht. Denn schließlich, als das Sams sein Leben in der Menschenwelt opfert, damit die Familie Taschenbier wieder menschlich leben kann, wird es vom Übersams belohnt:

„Das Übersams sagte: ‚Du hast eine Samsregel, die seit Jahrhunderten gilt, einfach außer Kraft gesetzt. Deshalb werde auch ich eine Ausnahme machen müssen.‘
‚Welche denn?‘, fragte das Sams.
‚Du bekommst hiermit drei Wunschpunkte‘, sagte das Übersams. *Drei besonders tiefblaue Wunschpunkte für besonders große Wünsche. Ganz fabelhaft gewichtige und wichtige wünsche. Mit denen kann nämlich nicht nur dein Papa Taschenbiert wünschen, sondern auch du selbst.‘ (Maar, Sams im Glück, 202)

Diese drei Punkte bringen die Welt wieder in Ordnung: die Menschenwelt, versteht sich. Die Samswelt dagegen bleibt auf Dauer verändert, und damit kehrt Paul Maar das religiöse Prinzip, dass die jenseitige Welt die diesseitige verändert, genau um. Die Menschenwelt wird (nun vermutlich auf Dauer) von der Samswelt getrennt, das Sams so menschlich wie irgend möglich, die Taschenbiers nicht zu Samsen.

„‚Das Sams bleibt jetzt für immer hier bei der Familie Taschenbier.'“ (Maar, Sams im Glück, 204)

Und irgendwie passt diese Verdiesseitigung des Samses ja in unsere Zeit. Auch wenn echte Sams-Fans sicher die Hoffnung nicht aufgeben werden, dass sich das Sams-Universum noch einmal öffnet.