Bei der Suche nach dem Weltzugangs- und Weltdeutungsmodus von Erzählungen kann Cornelia Funkes Roman Tintenherz behilflich sein. Er stellt nicht nur mit einem Federstrich die Güte von Göttern in Frage, sondern entwickelt auch Perspektiven auf den Prozess des Lesens und Erzählens:
„‘Was?‘, flüsterte Meggie. ‚Was passierte, Mo?‘
Ihr Vater sah sie an. ‚Sie kamen heraus‘, sagte er. ‚Plötzlich standen sie da, in der Tür zum Flur , als wären sie von draußen hereingekommen. Ich hatte ihre Namen noch auf den Lippen…‘“ (Cornelia Funke, Tintenherz, Hamburg 2003, 153).
Mo, Meggies Vater, verfügt über eine geheimnisvolle Eigenschaft. Wenn er vorliest, werden die Figuren der Geschichten, denen er Stimme leiht, lebendig – und Menschen, die ihm zugehört haben, verschwinden in der Geschichte. Nach und nach enthüllt die Romantrilogie dieses Geheimnis des Lesens, das auch ein Geheimnis der Erzählens ist: als Meggie und Mo Resa, Meggies Mutter, die in einer Geschichte verschwunden war, wiederfinden, beginnen sie, die Geschichte, in die die Familie verstrickt ist, zu verändern, zu ihrer eigenen Geschichte zu machen. Aus Rezipienten werden Ko-Autorinnen und Ko-Autoren, die sich ihren Platz in ihrer Geschichte selbst wählen.
Dieser Prozess – er erstreckt sich über drei Bände – bleibt nicht konfliktfrei. Fenoglio, von dem ja schon die Rede war, versucht, seine eigene Version der Geschichte zu erzählen. „Aber am Anfang war immer noch das Wort gewesen, und das war von ihm geschrieben, jedes einzelne!“ (Cornelia Funke, Tintentod, Hamburg 2007, 293). Und diese Geschichte erhält unmerklich religiöse Züge. Schon der – im Übrigen bei der Namenswahl dieses Blog Pate stehende – Satz Fenoglios spielt unverkennbar auf Joh 1,1 („Im Anfang war das Wort …“) und damit wiederum auf Gen 1,1 („Im Anfang schuf Gott …“) an, auch, wenige Zeilen später, Fenoglios Dichter-Phantasie über ein „Reich der Gerechtigkeit“ (Funke, Tintentod, 293) ist ein direktes biblisches Zitat aus Röm 14,17.
Um dieses religionsaffine Autormodell, das Cornelia Funke in Tintenherz in unterschiedlichen Spielarten entwickelt – Mos Vorlesekunst wird ja als mitgestaltende, mitschöpferische Fähigkeit vorgestellt -, ist ein Rückgriff auf literaturwissenschaftliche Kategorien unbedingt hilfreich.
Literaturwissenschaftlich ist zwischen Autor und Erzähler zu unterscheiden. Die genaue Abgrenzung beider Figuren ist strittig, wie die Theorie eines impliziten, vom realen zu unterscheidenden Autors oder Roland Barthes Verdikt vom „Tod des Autors“ zeigt. Gerade deshalb ist sie zu analysieren: Ein religiöser Lernprozess, der mit Erzählungen gestaltet wird oder sich anhand einer Erzählung gestaltet (z.B. bei der Lektüre von Alois Prinz, Der erste Christ. Die Lebensgeschichte des Apostels Paulus, Weinheim 2007), begegnet schließlich vermittels des Textes nicht nur einem Wirklichkeitsentwurf, in dem abermals (fiktive, inszenierte) Personen begegnen, sondern auch realen Menschen, die mittels einer Geschichte auf eine ganz konkrete, aufzuklärende Weise auf diesen Lernprozess einwirken: dem Autor, seinem Lektor, möglicherweise einem Illustrator; außerdem auch jenen Menschen, auf deren Hinweis hin ein Buch überhaupt gelesen, oder jenen, für die oder auf die hin es geschrieben worden ist (vgl. hierzu auch: Heinz-Heino Ewers, Literatur für Kinder und Jugendliche. Eine Einführung, Paderborn 2000).
Bei Fenoglio ist nun zum Glück klar, dass er als Autor eine Person innerhalb der erzählten Welt ist und auf keinen Fall mit der realen Autorin von Tintenherz zu verwechseln. Er macht aber darauf aufmerksam, dass Geschichten gesteuert werden und dass diese Steuerungsfunktion im Text erlebbar ist: jemand erzählt, gestaltet Wörter und Sätze zu einer Welt, die lesend erfahren werden kann, und ist als Erzähler doch zunächst nur ein Teil des Textes, von seiner realen Autorin oder seinem realen Autor zu unterscheiden. Wer begegnet mir als Lesendem?
Literaturwissenschaftlich naheliegend ist es, als begegnende Größe den Erzähler (die Erzählerin?) zu identifizieren. 1957 betonte Wolfgang Kayser, wichtiger Vertreter der sog. „werkimmanenten Interpretation“ literarischer Texte:
„Ein Erzähler ist in allen Werken der Erzählkunst da, im Epos wie im Märchen, in der Novelle wie in der Anekdote. Jeder Vater und jede Mutter weiß, daß sie sich verwandeln müssen, wenn sie ihren Kindern ein Märchen erzählen. Sie müssen die aufgeklärte Haltung des Erwachsenen aufgeben und sich in ein Wesen verwandeln, für das die dichterische Welt mit ihren Wunderbarkeiten Wirklichkeit ist. Der Erzähler glaubt an sie, auch wo er ein Lügenmärchen erzählt. Er kann ja nur lügen, weil er glaubt. Ein Autor kann nicht lügen. Der kann bloß gut oder schlecht schreiben … Das heißt also, daß der Erzähler in aller Erzählkunst niemals der bekannte oder noch unbekannte Autor ist, sondern eine Rolle, die der Autor erfindet und einnimmt.“ (Wolfgang Kayser, Wer erzählt den Roman, in: Fotis Jannidis u.a. (Hgg.), Texte zur Theorie der Autorschaft, Stuttgart 2000, 127-137, 127).
Der Erzähler scheint den Text zu organisieren, zu präsentieren, sein Machtzentrum zu repräsentieren; er ist seinerseits aber vom Autor abhängig: der alleinige Repräsentant des Autors oder der Autorin eines Textes ist er deshalb jedoch keineswegs. Er eröffnet jedoch innerhalb des Textes Möglichkeiten zur Distanzierung oder zur Identifikation mit der Geschichte. In dieser Funktion hat er entscheidende Bedeutung für den Lese- und (ggfs.) Lernprozess, und dass Agnes in Janne Tellers „Nichts“ als Ich-Erzählerin zugleich Teil der erzählten Welt ist, unterstützt, ja: ermöglicht die bedrängende Wirkung des Textes nicht unwesentlich: an ihr wird die Ohnmacht gegenüber der Brüchigkeit der Welt unmittelbar erfahrbar, Geschichtenmacht als Ohnmacht demonstriert. Auch wenn Janne Teller als reale Person Erfahrungen gemacht haben sollte, die denen von Agnes vergleichbar sind – es ist für die Leserinnen und Leser meist unwichtig und für die Plausibilität der Erzählung unnötig, dies zu wissen -, ist Agnes deshalb doch nicht „eine gedichtete Person, in die sich der Autor verwandelt hat“ (Kayser, Wer erzählt den Roman, 128). Auch sie trägt vielmehr eine religiöse Signatur in sich. Noch einmal Wolfgang Kayser:
„Wer ist aber denn nun der Erzähler des Romans, ob er sich die Maske eines persönlichen Erzählers vorhält oder ein Schemen bleibt? Die Analogie zum Erzähler des täglichen Lebens mußten wir zerstören. Dafür hat sich eine andere aufgedrängt: die zum allwissenden und allgegenwärtigen Gott oder den Göttern. Der Erzähler des Romans – das ist nicht der Autor, das ist aber auch nicht die gedichtete Gestalt, die uns oft so vertraut entgegentritt. Hinter dieser Maske steht der Roman, der sich selber erzählt, steht der Geist dieses Romans, der allwissende, überall gegenwärtige und schaffende Geist dieser Welt. Die neue, einmalige Welt entsteht, indem er Gestalt annimmt und zu sprechen beginnt, indem er sie mit seinem schöpferischen Wort selber hervorruft. Er selbst schafft sie, und in ihr kann er allwissend und überall gegenwärtig sein. Der Erzähler des Romans, in einer Analogie verdeutlicht, ist der mythische Weltschöpfer.“ (Kayser, Wer erzählt den Roman, 135)
Agnes erlebt dabei ihre Ohnmacht und widersetzt sich ihr, indem sie die Fraglichkeit von Welt und Mensch weiterhin behauptet. Vielleicht wird so Kaysers mythischer Weltschöpfer menschlich?
Festhalten möchte ich, dass Erzählungen in der Gestalt des Erzählers (der Erzählerin) eine nicht mit dem Autor oder der Autorin identische Figur präsentieren, die für das Verständnis des Textes eine wichtige, zuweilen zentrale Rolle spielt, weil hier das Machtzentrum der Erzählung begegnet, das seinerseits dazu einlädt, es mit religiösen Kategorien zu beschreiben, wie Fenoglio dies tut. Die Erzähler-Figur bietet damit eine wichtige Schnittstelle für die religionspädagogische Rezeption von Kinder- und Jugendliteratur. Sie kann sogar helfen, den Modus des Weltzugangs, den Religionen eröffnen, besser zu verstehen.
Wie Leserinnen und Leser einen Zugang zur erzählten Welt erlangen (wie Mo, Meggie oder Resa), muss dazu aber auch noch geklärt werden.