Wahrheiten? Religion im Plural

Während die Wunderproblematik, wie sie Gleitzman oder Bauer bearbeiten, auf einen eher homogenen religiösen Kontext verweist – die religiöse Pluralität, die Felix als jüdisches, katholisch erzogenes Kind verkörpert, steht schließlich weder im Vordergrund noch ist sie für die Wunderthematik relevant -, finden sich auch zahlreiche Bücher, die Religion als Plural von Wirklichkeitsdeutungen präsentieren. Ich muss zugeben, dass ich Catherine Cléments Roman über die Religionen der Welt mit dem vielsagenden Titel Theos Reise (München 1998, Taschenbuchausgabe: 2003), nicht bis zur letzten Seite gelesen habe: mir waren die vielfältigen Informationen über vielgestaltige Formen von Religiosität dann doch zu viel, lexikalisch leichter zugänglich, die der Gottsucher Theo (vom griechischen θεός – theos – Gott) auf seiner Reise erhält. Doch das Buch thematisiert, was in der pluralen Gesellschaft zunehmend wichtiger wird: Informationen über fremde Religionen, und wäre es die fremd gewordene eigene Religion.

Dass Janne Teller in Nichts Christentum und Islam als zwei gleichermaßen merkwürdige Bedeutungsoptionen präsentiert, habe ich schon erwähnt. Götter im Plural fanden sich auch in Cornelia Funkes Tintenherz-Trilogie. Doch während Funke wenigstens am Rande die Macht dieser Götter, damit den Innenraum von Religionen erwähnt, bleiben viele Texte auf der Ebene eines “learning about religion” (Michael Grimmitt) stehen und begnügen sich mit der Vermittlung religionskundlicher Information. Dass damit die komplexe Wirklichkeit des Religiösen auf ein beobachtbares Phänomen reduziert und ihrer Einladung zur Positionierung so kaum gerecht geworden wird, habe ich schon angedeutet. Deshalb möchte ich vorerst hier auch nur darauf aufmerksam machen, dass der Präsentationsmodus von Religionen in der KJL weiterer Analysen bedarf – bislang, so Georg Langenhorst, fühlte sich für die Frage nach den interreligiösen Lernchancen, die Literatur bietet, “kaum jemand zuständig”, und auch Langenhorsts Text selbst beschränkt sich auf “erwachsene” Literatur, nennt Yann Martels Schiffbruch mit Tiger (2001) und SAID – und einige Weblinks vorstellen, die die Suche nach interreligiös sensibler KJL erleichtern:

Das Blog “Ein-Sichten” von Reinhard Kirsten ist (wie auch Dialog der Religionen) eine Fundgrube von Materialien, darunter auch KJL. Unter dem Titel “Ringparabel reloadet?” gibt STUBE, die österreichische Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur Literaturhinweise, die im Kontext einer Tagung schon in 2009 zusammengetragen worden sind. Die Bibliographie von Georg Langenhorst auf religion-im-kinderbuch.de habe ich schon mehrfach erwähnt. Für Hinweise auf weitere Angebote bin ich dankbar.

 

Erzählte Welten

Bei der Suche nach dem Weltzugangs- und Weltdeutungsmodus von Erzählungen kann Cornelia Funkes Roman Tintenherz behilflich sein. Er stellt nicht nur mit einem Federstrich die Güte von Göttern in Frage, sondern entwickelt auch Perspektiven auf den Prozess des Lesens und Erzählens:

„‘Was?‘, flüsterte Meggie. ‚Was passierte, Mo?‘
Ihr Vater sah sie an. ‚Sie kamen heraus‘, sagte er. ‚Plötzlich standen sie da, in der Tür zum Flur , als wären sie von draußen hereingekommen. Ich hatte ihre Namen noch auf den Lippen…‘“ (Cornelia Funke, Tintenherz, Hamburg 2003, 153).

Mo, Meggies Vater, verfügt über eine geheimnisvolle Eigenschaft. Wenn er vorliest, werden die Figuren der Geschichten, denen er Stimme leiht, lebendig – und Menschen, die ihm zugehört haben, verschwinden in der Geschichte. Nach und nach enthüllt die Romantrilogie dieses Geheimnis des Lesens, das auch ein Geheimnis der Erzählens ist: als Meggie und Mo Resa, Meggies Mutter, die in einer Geschichte verschwunden war, wiederfinden, beginnen sie, die Geschichte, in die die Familie verstrickt ist, zu verändern, zu ihrer eigenen Geschichte zu machen. Aus Rezipienten werden Ko-Autorinnen und Ko-Autoren, die sich ihren Platz in ihrer Geschichte selbst wählen.

Dieser Prozess – er erstreckt sich über drei Bände – bleibt nicht konfliktfrei. Fenoglio, von dem ja schon die Rede war, versucht, seine eigene Version der Geschichte zu erzählen. „Aber am Anfang war immer noch das Wort gewesen, und das war von ihm geschrieben, jedes einzelne!“ (Cornelia Funke, Tintentod, Hamburg 2007, 293). Und diese Geschichte erhält unmerklich religiöse Züge. Schon der – im Übrigen bei der Namenswahl dieses Blog Pate stehende – Satz Fenoglios spielt unverkennbar auf Joh 1,1 („Im Anfang war das Wort …“) und damit wiederum auf Gen 1,1 („Im Anfang schuf Gott …“) an, auch, wenige Zeilen später, Fenoglios Dichter-Phantasie über ein „Reich der Gerechtigkeit“ (Funke, Tintentod, 293) ist ein direktes biblisches Zitat aus Röm 14,17.

Um dieses religionsaffine Autormodell, das Cornelia Funke in Tintenherz in unterschiedlichen Spielarten entwickelt – Mos Vorlesekunst wird ja als mitgestaltende, mitschöpferische Fähigkeit vorgestellt -, ist ein Rückgriff auf literaturwissenschaftliche Kategorien unbedingt hilfreich.

Literaturwissenschaftlich ist zwischen Autor und Erzähler zu unterscheiden. Die genaue Abgrenzung beider Figuren ist strittig, wie die Theorie eines impliziten, vom realen zu unterscheidenden Autors oder Roland Barthes Verdikt vom „Tod des Autors“ zeigt. Gerade deshalb ist sie zu analysieren: Ein religiöser Lernprozess, der mit Erzählungen gestaltet wird oder sich anhand einer Erzählung gestaltet (z.B. bei der Lektüre von Alois Prinz, Der erste Christ. Die Lebensgeschichte des Apostels Paulus, Weinheim 2007), begegnet schließlich vermittels des Textes nicht nur einem Wirklichkeitsentwurf, in dem abermals (fiktive, inszenierte) Personen begegnen, sondern auch realen Menschen, die mittels einer Geschichte auf eine ganz konkrete, aufzuklärende Weise auf diesen Lernprozess einwirken: dem Autor, seinem Lektor, möglicherweise einem Illustrator; außerdem auch jenen Menschen, auf deren Hinweis hin ein Buch überhaupt gelesen, oder jenen, für die oder auf die hin es geschrieben worden ist (vgl. hierzu auch: Heinz-Heino Ewers, Literatur für Kinder und Jugendliche. Eine Einführung, Paderborn 2000).

Bei Fenoglio ist nun zum Glück klar, dass er als Autor eine Person innerhalb der erzählten Welt ist und auf keinen Fall mit der realen Autorin von Tintenherz zu verwechseln. Er macht aber darauf aufmerksam, dass Geschichten gesteuert werden und dass diese Steuerungsfunktion im Text erlebbar ist: jemand erzählt, gestaltet Wörter und Sätze zu einer Welt, die lesend erfahren werden kann, und ist als Erzähler doch zunächst nur ein Teil des Textes, von seiner realen Autorin oder seinem realen Autor zu unterscheiden. Wer begegnet mir als Lesendem?

Literaturwissenschaftlich naheliegend ist es, als begegnende Größe den Erzähler (die Erzählerin?) zu identifizieren. 1957 betonte Wolfgang Kayser, wichtiger Vertreter der sog. „werkimmanenten Interpretation“ literarischer Texte:

„Ein Erzähler ist in allen Werken der Erzählkunst da, im Epos wie im Märchen, in der Novelle wie in der Anekdote. Jeder Vater und jede Mutter weiß, daß sie sich verwandeln müssen, wenn sie ihren Kindern ein Märchen erzählen. Sie müssen die aufgeklärte Haltung des Erwachsenen aufgeben und sich in ein Wesen verwandeln, für das die dichterische Welt mit ihren Wunderbarkeiten Wirklichkeit ist. Der Erzähler glaubt an sie, auch wo er ein Lügenmärchen erzählt. Er kann ja nur lügen, weil er glaubt. Ein Autor kann nicht lügen. Der kann bloß gut oder schlecht schreiben … Das heißt also, daß der Erzähler in aller Erzählkunst niemals der bekannte oder noch unbekannte Autor ist, sondern eine Rolle, die der Autor erfindet und einnimmt.“ (Wolfgang Kayser, Wer erzählt den Roman, in: Fotis Jannidis u.a. (Hgg.), Texte zur Theorie der Autorschaft, Stuttgart 2000, 127-137, 127).

Der Erzähler scheint den Text zu organisieren, zu präsentieren, sein Machtzentrum zu repräsentieren; er ist seinerseits aber vom Autor abhängig: der alleinige Repräsentant des Autors oder der Autorin eines Textes ist er deshalb jedoch keineswegs. Er eröffnet jedoch innerhalb des Textes Möglichkeiten zur Distanzierung oder zur Identifikation mit der Geschichte. In dieser Funktion hat er entscheidende Bedeutung für den Lese- und (ggfs.) Lernprozess, und dass Agnes in Janne Tellers „Nichts“ als Ich-Erzählerin zugleich Teil der erzählten Welt ist, unterstützt, ja: ermöglicht die bedrängende Wirkung des Textes nicht unwesentlich: an ihr wird die Ohnmacht gegenüber der Brüchigkeit der Welt unmittelbar erfahrbar, Geschichtenmacht als Ohnmacht demonstriert. Auch wenn Janne Teller als reale Person Erfahrungen gemacht haben sollte, die denen von Agnes vergleichbar sind – es ist für die Leserinnen und Leser meist unwichtig und für die Plausibilität der Erzählung unnötig, dies zu wissen -, ist Agnes deshalb doch nicht „eine gedichtete Person, in die sich der Autor verwandelt hat“ (Kayser, Wer erzählt den Roman, 128). Auch sie trägt vielmehr eine religiöse Signatur in sich. Noch einmal Wolfgang Kayser:

„Wer ist aber denn nun der Erzähler des Romans, ob er sich die Maske eines persönlichen Erzählers vorhält oder ein Schemen bleibt? Die Analogie zum Erzähler des täglichen Lebens mußten wir zerstören. Dafür hat sich eine andere aufgedrängt: die zum allwissenden und allgegenwärtigen Gott oder den Göttern. Der Erzähler des Romans – das ist nicht der Autor, das ist aber auch nicht die gedichtete Gestalt, die uns oft so vertraut entgegentritt. Hinter dieser Maske steht der Roman, der sich selber erzählt, steht der Geist dieses Romans, der allwissende, überall gegenwärtige und schaffende Geist dieser Welt. Die neue, einmalige Welt entsteht, indem er Gestalt annimmt und zu sprechen beginnt, indem er sie mit seinem schöpferischen Wort selber hervorruft. Er selbst schafft sie, und in ihr kann er allwissend und überall gegenwärtig sein. Der Erzähler des Romans, in einer Analogie verdeutlicht, ist der mythische Weltschöpfer.“ (Kayser, Wer erzählt den Roman, 135)

Agnes erlebt dabei ihre Ohnmacht und widersetzt sich ihr, indem sie die Fraglichkeit von Welt und Mensch weiterhin behauptet. Vielleicht wird so Kaysers mythischer Weltschöpfer menschlich?

Festhalten möchte ich, dass Erzählungen in der Gestalt des Erzählers (der Erzählerin) eine nicht mit dem Autor oder der Autorin identische Figur präsentieren, die für das Verständnis des Textes eine wichtige, zuweilen zentrale Rolle spielt, weil hier das Machtzentrum der Erzählung begegnet, das seinerseits dazu einlädt, es mit religiösen Kategorien zu beschreiben, wie Fenoglio dies tut. Die Erzähler-Figur bietet damit eine wichtige Schnittstelle für die religionspädagogische Rezeption von Kinder- und Jugendliteratur. Sie kann sogar helfen, den Modus des Weltzugangs, den Religionen eröffnen, besser zu verstehen.

Wie Leserinnen und Leser einen Zugang zur erzählten Welt erlangen (wie Mo, Meggie oder Resa), muss dazu aber auch noch geklärt werden.

“Wer sagt, dass alle Götter gütig sind?” – Kinder- und Jugendliteratur als religionspädagogische Herausforderung

Kinder- und Jugendliteratur kann die Religionspädagogik, die Theologie insgesamt herausfordern. Was sich bei der Durchsicht von Janne Tellers Nichts andeutete, verdient dabei noch ein genaueres Hinsehen: was findet der theologisch geschulte Blick, wenn er Bücher der Kinder- und Jugendliteratur (KJL) wahrnimmt?

Ich versuche eine Antwort wieder mit den Mitteln, die die KJL selbst bereitstellt. “Wer sagt, dass alle Götter gütig sind?”, fragt in Cornelia Funkes Roman Tintenherz (Hamburg 2003), dem ersten Band einer Trilogie, der sich mehr als nur ein theologisch anregendes Zitate entnehmen lässt, der Autor-Gott Fenoglio (Funke, Tintenherz, 362) – und führt nebenbei mitten hinein in ein gewichtiges Problem der religionspädagogischen Rezeption von KJL. Welche Religion nämlich findet die religionspädagogische Suche nach religiösen oder religionsaffinen Elementen, wenn sie sich in Kinder- und Jugendbüchern auf die Suche macht? Es handelt sich hier schließlich nicht um Texte des theologischen oder binnenkirchlichen Diskurses, in dem eine zumindest partielle Einsinnigkeit der besprochenen religiösen Themen (die sich beispielsweise aus dem gemeinsamen jüdisch-christlichen Erbe begründet) vorausgesetzt werden kann. Aktuelle KJL, die keine katechetischen Zwecke verfolgt, ist autonome Kunst und widersetzt sich dem klassifizierenden, bewertenden Zugriff fremder Interessen. Sie ermöglicht eine Alteritätserfahrung (Bernhard Grümme) eigener Art. Ich habe mich dagegen ausgesprochen, in Nichts allzu rasch religiöse Spuren zu entdecken. Einige Klärungen stehen deshalb an.

Die Suche nach religiösen Spuren in der Literatur kommt an einem Vorschlag von Magda Motté nicht vorbei. Sie hat Texte mit einer ethisch-existentiellen, einer transzendental-religiösen und einer explizt christlichen Dimension unterschieden (Alles ist Gleichnis. Arbeit mit moderner Literatur für Kinder und Jugendliche im Religionsunterricht, in: rhs 46 [2003], 1-19, 7f., ähnlich in: Verborgene Religiosität. Ist gegenwärtige Literatur für Glaubensfragen (noch) sensibel?, in: ThPQ 152 (2004), 3-15, 3f.). Jürgen Heumann plädiert in der der Frage, was “‘religiös’ in der Kinder- und Jugendliteratur” sei, gewidmeten Einleitung des von ihm herausgegebenen Sammelbandes Über Gott und die Welt. Religion, Sinn und Werte im Kinder- und Jugendbuch (= Religion in der Öffentlichkeit 8, Frankfurt/M. 2005, 9-17) für explizit religionspädagogische Kriterien (Heumann 2005, 15), reduziert dazu aber Religion auf Existentialität und Transzendenz: “Ich möchte deshalb auch weniger vom Religiösen in Kinder- und Jugendbüchern reden als vom Existentiellen, in dem sich das im engeren Sinne zu den Religionen gehörende Transzendente immer auch ausspricht.” (Heumann, Über Gott und die Welt, 16).

Ob sich die Religionspädagogik so aus der Affäre ziehen kann, möchte ich bezweifeln. Religion ist – in Anbetracht der Unzulänglichkeit aller bekannten Definitionsstrategien – ein Begriff, der angesichts eines Phänomenbereichs zur Positionierung zwingt. Ohne Positionalität (man kann im Kontext christlicher Tradition auch sagen: ohne Konfessionalität) ist Religion nicht zu haben. Die Begegnung von Religionspädagogik und religiös konnotierter KJL erfordert eine Reflexion auf die Konfessionalität von Religion, eine Selbstpositionierung, ebenso wie eine Reflexion auf die Möglichkeit zeitgemäßer Gottesrede.

Hier liegt vermutlich ein wichtiger Beitrag, den KJL in religiösen Lernprozessen spielen kann, in denen es (mit Hilfe einer konkreten religiösen Tradition) um die Chance der Selbstpositionierung von Lernenden zu religiösen Traditionen geht: KJL ist selbst da, wo sie Informationen über Religion(en) vermittelt wie in Catherine Clements Roman Theos Reise (München 2003), Einladung zur Selbstpositionierung der Leserinnen und Leser zu dem, was für sie Religion heißen kann. Dass sich dabei das, was unter Religion verstanden werden kann, unter Umständen zuerst “bilden” muss, Religion so im Kern ein Bildungsgut par excellence darstellt, ist für literarisches Lesen in religiösen Lernprozessen noch genauer zu reflektieren.

Es genügt deshalb nicht, die Gottesfrage in literarische Leerstellen einfach einzutragen, wie ich dies an Jürgen Heumanns (zugegeben äußerst kurz gefasster und deshalb gewiss nicht überzustrapazierender) Deutung von Janne Tellers Nichts kritisiert habe. Die KJL-Rezeption der Religionspädagogik macht, gerade weil es sich um einen Rezeptionsprozess handelt, eine Selbstreflexion der Religionspädagogik als rezipierender Disziplin unbedingt erforderlich. Denn: „wer sagt, dass alle Götter gütig sind?“

Ja, wer?