Meisterwerke

Frank Cottrell Boyce ist für Der unvergessene Mantel gestern mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis (Sparte Kinderbuch) ausgezeichnet worden (http://www.djlp.jugendliteratur.org/preistraeger_kinderbuch-15.html). Vor wenigen Tagen habe ich zudem den Roman Meisterwerk (Hamburg 2006), 2007 in der Kategorie Jugendbuch immerhin bereits für den Preis nominiert (http://www.djlp.jugendliteratur.org/datenbanksuche/jugendbuch-3/artikel-meisterwerk-581.html) gelesen. In beiden Texten geht es an entscheidender Stelle um Polaroids.

Wichtiger als die heute hoffnungslos veraltete Fototechnik ist jedoch die Funktion, die Boyce in beiden Romanen den Bildern zuspricht. In Der unvergessene Mantel verfremden sie (in Form der genannten Polaroid-Aufnahmen) die vertraute Umgebung der Protagonisten, lassen sie fern und abenteuerlich erscheinen, gestalten die Heimat als Ort der Fremde. In Meisterwerk verändern Gemälde den verschlafenen, grauen Ort Manod in Wales.

Solche Metamorphosen werden ergänzt um Hinweise auf die Dauerhaftigkeit der Kunst.

„Weil die Zeichnungen in den Stein geritzt waren, konnte Elsa ihre Linien ertasten, was sie bei einem normalen Bild natürlich nicht konnte … Und nun, nach all dieser Zeit, war es immer noch da, ein Moment, der nie vergehen würde.“ (Boyce, Meisterwerk, 318)

Das Projekt ästhetischer Weltverbesserung durch ästhetische Erziehung findet sich bereits bei Friedrich Schiller. Seine Briefe Über die ästhetische Erziehung des Menschen von 1795 suchen – nach einer ungeschminkten Neuzeitkritik, die durchaus Gedanken Horkheimers und Adornos vorwegnimmt – nach Wegen der Versöhnung zwischen dem aufgeklärten, aus seiner Selbstvergessenheit befreiten, deshalb aber auch vereinsamten Geist des Menschen und der Natur. Die Kunst könne, so Schiller, „die Einheit der menschlichen Natur wiederherstellen“ (13. Brief): hier, im Spiel mit der Schönheit, werde er „in voller Bedeutung des Worts Mensch“ (15. Brief).

Illustrieren Boyces Texte diesen Gedanken? Der unvergessene Mantel scheint mir tatsächlich in der Wiederbegegnung der Protagonisten dem Ziel Schillers, „Freiheit zu geben durch Freiheit“ (27. Brief), wenigstens literarisch nahe zu kommen.