Laufen lernen

In Anne C. Voorhoeves Roman Unterland muss die Ich-Erzählerin das Laufen neu lernen: nicht nur, weil sie an schmerzhaften Erinnerungen an ihre verlorene Heimat Helgoland leidet, zu denen der Verlust eines Beines gehört, sondern auch, weil sie diesen Erinnerungen in der Fremde mehr und mehr entwächst. Dem Verlust von Heimat und Vertrautsein, dem Verlust liebgewonnener Weltdeutungen –

„Mein Bruder schwieg. Er hatte überhaupt noch nichts gesagt, seit der Mann, den wir für den Verräter gehalten hatten, ihm die Pistole abgenommen, entladen und erklärt hatte: ‚Die kann sich euer Foor jederzeit bei mir abholen.'“ (Voorhoeve, Unterland, 2012, 361).

– korrespondiert das körperliche Wachstum eines Kindes, das in der ressourcenarmen Nachkriegszeit keine neue Prothese erhält: die Arbeitskraft der Erwachsenen ist schlicht wichtiger für den Wiederaufbau.

Anne C. Voorhoeve transponiert auf diese Weise nicht nur jugendliche Entwicklungsaufgaben in die frühe Nachkriegszeit. Die Frage nach dem Verlust von Heimat und Vertrautheit und ihre mögliche Neu-Aneignung ist auch unabhängig vom konkreten Thema des Romans bedeutsam. Erfahrungen der Entfremdung und der Befremdung sind Leserinnen und Lesern auch heute vertraut. Unterland erzählt ihnen daher nicht nur historische Details einer literarisch wenig berücksichtigten Teils der deutschen Geschichte, sondern gibt Deutungshilfen zum Umgang mit fremden, neuen Erfahrungen nach dem Verlust der kindlichen, vertrauten Welt.

Transponierbar ist dieses zentrale Thema des Romans aber auch auf religiöse Traditionen, die angesichts der Moderne fremdeln, um neue Artikulationsformen ringen. Ihnen ist mit einer neuen Prothese nicht geholfen. Ihnen wird aber ein Bild angeboten, Fremdheitserfahrungen zu reformulieren und dadurch vielleicht aus neuer Perspektive wahrzunehmen. Der Wegfall christlich-religiöser Milieus macht neue Lernwege notwendig, um die für wichtig gehaltenen Traditionen lebendig zu erhalten.

Diese religionspädagogische Übersetzung des Sujets von Unterland erscheint mir nicht wegen ihrer Lösung – Alice kehrt sieben Jahre später nach Helgoland zurück – bedeutsam, sondern weil sie einen Zugang zur Frage nach der Wahrheitsfähigkeit von Erzählungen öffnet. Wahrheitsfähigkeit bedeutet hier, dass ein Roman sprachliche Mittel und erzählerische Topoi bereitstellt, die helfen können, Probleme in einem neuen Licht zu sehen, möglicherweise neue Facetten zu entdecken und zu benennen. Erzählungen stärken Sprachfähigkeit und helfen so Welt zu deuten. Sie können vielleicht, hier und da, sogar Chancen eröffnen, aus ungewohnter Perspektive Lösungsmöglichkeiten in den Blick zu bekommen

So wird der Roman selbst zu einer Grammatik, die Problemlagen konstruktiv verändert und dadurch neu erschließen helfen kann. Seine Stärke liegt in der Befremdung durch Verfremdung, die zu einer neuen Sicht auf das oft nur scheinbar noch Vertraute anhält.

Unterland (Anne C. Voorhoeve). Von der Heimatlosigkeit und ihren Geschichten

„Sollten wir je wieder nach Hause zurück dürfen, dann würde nicht nur unsere Insel nicht mehr dieselbe sein. Man lernt sich in der Fremde anders kennen. Freundschaften gehen zu Ende, nichts verbindet mehr außer dem Ort, von dem wir kommen. Ich hoffte, dass nicht allzu viele Helgoländer dieselbe Erfahrung machten wie Leni und ich, sonst wusste ich nicht, wie wir je wieder zusammenfinden sollten.“ (Anne C. Voorhoeve, Unterland, Ravensburger Buchverlag, 2012, 346)

Alice Sievers, zwölf Jahre alt, erlebt die Flucht von ihrer Heimatinsel Helgoland und die ersten Nachkriegsjahre in Hamburg. Sie sehnt sich nach einer Rückkehr, muss aber nach und nach erkennen, dass die Vergangenheit unerreichbar ist, ihre Heimat für immer das vertraute Gesicht verloren hat. In der Fremde ändert sich ihr Leben.

Anne C. Voorhoeves neuestes Buch (mehr dazu hier) ist mehr als eine gut recherchierte und spannend erzählte Kindergeschichte aus der Nachkriegszeit, die sich der Flüchtlings- und Vertriebenenthematik aus ungewohnter Perspektive widmet. Im Hintergrund der Erzählung, und das weckt mein religionspädagogisches Interesse, geht es um die Prägekraft von Erinnerungen, die Macht von Geschichten, den Zauber von Wörtern.

Alice trägt die Vergangenheit am eigenen Körper, genauer noch: sie trägt an ihr. Bei einem Luftangriff auf Helgoland wurde ihr Bein verletzt, es musste amputiert werden, Alice trägt seitdem eine Prothese, der sie mehr und mehr entwächst. Sie muss täglich neu laufen lernen, bis sie einmal als Erwachsene eine neue, gut angepasste Prothese erhalten wird.

Der Prothese, die sie mit ihrer eigenen Geschichte verbindet und die doch an Tragfähigkeit verliert, entspricht eine mühsame Suche nach Wahrheit. Nach und nach wird Vertrautes fremd, muss Fremden Vertrauen entgegengebracht werden.

„Die Wahrheit über uns musste so grauenvoll sein, dass Eltern ihren Kindern nicht einmal mehr in die Augen sehen konnten. Wenn ich mehr wissen wollte, musste ich Fremde fragen.“ (Voorhoeve, Unterland, 412).

Nach und nach ergründet Alice ihre Vergangenheit – und muss ihre eigene Geschichte neu lesen, neu erzählen. Der vermeintliche Verräter, der die Bombardierung Helgolands verschuldet zu haben scheint, entpuppt sich als harmlos, der harmlose Liebhaber der Mitbewohnerin verbirgt den untergetauchten Ehemann, einen Kriegsverbrecher.

Anne C. Voorhoeve buchstabiert die Wahrheit eröffnende Grammatik des Unvertrauten immer wieder durch: in „Lilly unter den Linden“ (2004) beispielsweise als Reise in die fremde DDR, in „Liverpool Street“ (2007, Besprechung hier) als Begegnung mit den jüdischen Wurzeln im britischen Exil. Die Grammatik des Unvertrauten, die die Entdeckung des Eigenen ermöglicht, eröffnet religionspädagogisch interessante Fragestellungen, die ich hier nur kurz nenne – ob „Unterland“, ob KJL überhaupt eine Antwort entwickeln kann, sei vorerst dahingestellt.

Fragen formulieren helfen kann sie in jedem Fall: Können Religion, Religiosität, Christlichkeit im Unvertrauten einer (post-)säkularen Gesellschaft neu zu sich finden? Und das, obwohl „Freundschaften zu Ende gehen“: sich Religiositäten innerhalb der christlichen Tradition, wie es sich derzeit abzuzeichnen scheint, bis zur wechselseitigen Unverstehbarkeit ausdifferenzieren, weil das Fremde unterschiedliche, miteinander kaum mehr kompatible Antwortversuche provoziert?

Voorhoeves Antwort in „Unterland“ ist das Erzählen: Henry, Alices Bruder, sammelt die Geschichten des alten Helgoland, um den Flüchtlingen die Rückkehr auf die durch Bomben veränderte, aber im Kern unzerstörte Insel zu ermöglichen, um Hoffnung und Erinnerung wach zu halten, und publiziert sie in einer Flüchtlingszeitung. Sie überbrückt die Zeit des Wartens bis zum versöhnlichen Ende.

„Die ganze Zeit wartete unsere Isel, sah Jahreszeiten kommen udn gehen und bot den Fischern Schutz, wenn sie bei stürmischer See in den Ruinen des Hafens anlegten.

Wartete sieben Jahre. Bis wir endlich nach Hause durften.“ (Voorhoeve, Unterland, 430).

Im Unterschied zu „Unterland“ steht das versöhnliche Ende religionspädagogisch-theologisch noch aus.