„Ich glaube, der barmherzige Gott aus dem Religionsunterricht ist eine gute Ausrede …“ (Inés Garland, Wie ein unsichtbares Band)

Argentinien zur Zeit der Militärdiktatur – die Wahl von Papst Franziskus hat das Land und seine Geschichte wenigstens für kurze Zeit in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt und der Frage nach dem richtigen Verhalten in einer Diktatur neue Aktualität gegeben. In Inés Garlands Roman Wie ein unsichtbares Band (üb. Ilse Layer), Fischer 2013, wird diese Frage nach dem richtigen Handeln in schwieriger Zeit aus anderer Perspektive gestellt: als Liebesgeschichte, die soziale Grenzen in den Blick nimmt, Ausgrenzungen hinterfragt und gerade deshalb an den Verhältnissen zu scheitern droht.

Auch hier will ich nicht die Erzählung wiedergeben, sondern nur einige Beobachtungen notieren. Alma, die Ich-Erzählerin, die ihre Jugenderlebnisse aus der Rückschau dreißig Jahre später erzählt, besucht nämlich eine katholische Schule und kollidiert, Konsequenz ihrer Freundschaft, ihrer Liebe zu Marito, mit der im Religionsunterricht vermittelten Glaubenslehre.

„Seit fast zehn Jahren ging ich auf eine katholische Schule. In den letzten drei Jahren hatte das Thema Jungfräulichkeit im Religionsunterricht immer mehr Raum eingenommen. Ich hatte dazu eine Menge Ideen: Es gab da etwas, das alle Männer von mir würden haben wollen, etwas, das sie mit allen Mitteln versuchen würden zu bekommen, und davor musste ich mich in Acht nehmen, so gut ich konnte.“ (Garland, Wie ein unsichtbares Band, 83f.)

Doch in dem Moment, als ihre Freundin Carmen von ihrem Zusammensein mit Emil berichtet, entdeckt Alma die andere Seite dieser Botschaft:

„Plötzlich bekam der Gedanke, dass meine Freundin eine Todsünde begangen hatte, eine ungeahnte Bedeutung. Was sie mir erzählte, war wunderschön, aber ich fühlte eine dumpfe Unruhe, die mit jedem Wort zunahm. Von der Erde stieg eiskalter Dampf auf. Zusammen mit Bewunderung und Neid keimte in mir eine Angst, die ich nicht hätte erklären können. Viel später begriff ich, dass seit diesem nachmittag, als ich Carmens Liebesgeschichte lauschte, Sex für mich unauflöslich mit Bestrafung verknüpft war.“ (Garland, Wie ein unsichtbares Band, 85)

Und diese Erfahrung gibt Almas eigener Liebesgeschichte mit Marito die Perspektive vor: nachdem beide zum ersten und einzigen Mal miteinander geschlafen haben, verschwindet Marito – später stellt sich heraus, dass er verschleppt und ermordert wurde. Übrig geblieben ist nur ein Turnschuh, den

„Maritos beschränkter Nachbar“ (Garland, Wie ein unsichtbares Band, 201),

dem Alma aber nicht glauben will, aufbewahrt.

Zu einem zweiter Konfliktpunkt wird die Gottesfrage.

„Meine Gespräche mit Marito drehten sich oft um Religion, und in diesem letzten Schuljahr brachte ich im Religionsunterricht häufig Argumente vor, die er mir lieferte, viele davon aus dem Roman Demian von Hermann Hesse, den er mir laut vorlas und der mich total faszinierte.“ (Garland, Wie ein unsichtbares Band, 178)

Alma erzählt von Schwester Francisca, der Religionslehrerin, und deren Angst vor Sexualität und Gotteszweifel, die zur Sprachlosigkeit und zur Flucht in religiöse Floskeln führen. Ausgangspunkt ist die Geschichte vom Sündenfall.

„Einmal hatte ich Schwester Francisca gefragt, wieso Gott, der doch wissen musste, dass sie sündigen würden, es überhaupt zuließ. Dieser zornige Gott gefiel mir gar nicht. Was er getan hatte, erschien mir sehr grausam. Ich stellte mir vor, wie er sich hinters Gebüsch duckte und abwartete, um dann herauszukommen und mit dem Finger auf sie zu zeigen, den Enttäuschten zu spielen, wo er doch vom ersten Moment an gewusst hatte, dass es böse enden würde. Als ich schon in der Oberstufe war, hatte ich eine Bemerkung gemacht, mit der ich mir Schwester Franciscas ewige Feindschaft zugezogen hatte.

‚Das kommt mir ein bisschen sadistisch vor‘, sagte ich ganz leise, aber sie hörte es trotzdem.

Ich dachte, sie würde sich bekreuzigen. Ihre Nase leuchtete wie eine Laterne.“ (Garland, Wie ein unsichtbares Band, 177)

Die Lehrerin kann nicht antworten.

„Es war offensichtlich, dass die Vorstellung, Gott könne böse Absichten haben, ihr noch nie auch nur im Entferntesten durch den Kopf gegangen war.“ (Garland, Wie ein unsichtbares Band, 177).

Den fälligen Dialog verweigert Schwester Francisca Alma und delegiert ihn an die Eltern. Ein Vermerk an sie soll das Gespräch zwischen Eltern und Tochter in Gang bringen.

„Mama las mir den Vermerk im Auto laut vor.“ (Garland, Wie ein unsichtbares Band, 179)

Doch auch die Eltern können Almas Fragen nicht aufgreifen. Sie verlegen sich auf die Ursachensuche.

„‚Mit wem redest du über solche Dinge?'“ (Garland, Wie ein unsichtbares Band, 180)

will der Vater wissen. Solche Dinge:

„‚Ich glaube, der barmherzige Gott aus dem Religionsunterricht ist eine gute Ausrede, um kein schlechtes Gewissen zu haben, dass man nichts gegen die Ungerechtigkeiten auf der Welt tut‘, sagte ich.

Das waren Maritos Worte, aber ich sah das genau wie er.“ (Garland, Wie ein unsichtbares Band, 180)

überfordern auch die Eltern. Die politische Situation entbindet sie von der Notwendigkeit, das Gespräch zu Ende zu führen: bei einem Ampelstopp fällt Alma ein Auto auf.

„Der Fahrer kurbelte das Fenster herunter und stellte eine Sirene aufs Dach, wie bei einer Polizeistreife. Sie war ausgeschaltet, aber gleich darauf ging das Blaulicht an“ (Garland, Wie ein unsichtbares Band, 182).

Almas Probleme bleiben vorerst ungeklärt. Die Ungerechtigkeiten auf der Welt kosten Marito das Leben. Seine Bücher verbrennen. Alma braucht dreißig Jahre, um

„das Leben [zu] feiern“ (Garland, Wie ein unsichtbares Band, 248).

Gott spielt dabei übrigens keine Rolle mehr.