„Frei zu sein ist köstlich“ (Nicholls, Keiner kommt davon)

Historische Romane lese ich nicht gern, das vorab: das Unbehagen, dass hier geschichtliche Redlichkeit erzählerischen Interessen untergeordnet wird oder, vielleicht noch unangenehmer, mit erzählerischen Mitteln Geschichtsunterricht betrieben werden soll, werde ich meist nicht los. Über Kirsten Boies Ritter Trenk hatte ich mich entsprechend mehrfach, zuletzt hier, kritisch geäußert, den Bodensatz des geschichtlich kaum mehr Erträglichen damit aber noch lange nicht erreicht. Dieser lohnt vielmehr  der Auseinandersetzung gar nicht mehr.

Das neueste Buch von Sally Nicholls, Keiner kommt davon. Eine Geschichte vom Überleben (üb. Beate Schäfer, Hanser: München 2014, ISBN 978-3-446-24511-2 ) habe ich deshalb auch nicht gelesen, weil es sich um einen historischen Roman handelt. Vielmehr hatte mich die Autorin, deren fulminanter Erstling Wie man unsterblich wird. Jede Minute zählt (üb. Birgitt Kollmann, Hanser: München 2008, ISBN 978-3-446-23047-7 ) es bis in ‚mein‘ Unterrichtswerk Leben gestalten gebracht hat (Ausgabe S, Band 1, 2011, S. 95), interessiert. Deren Thema ist einmal mehr die existentielle Bedrohung des Lebens (vgl. das Nachwort: Nicholls, Keiner kommt davon, 273):

„Ich wurde geboren, als der Kalte Krieg gerade zu Ende ging, und habe mit einer leicht morbiden Begeisterung alles verschlungen, was den atomaren Holocaust schilderte, dazu die unterschiedlichsten Darstellungen von Seuchen udn Kriegen … Über den Schwarzen Tod wollte ich schreiben, weil er ein ganz reales apokalyptisches Ereignis war. Die Menschen, die diese Zeit durchlebten, glaubten tatsächlich, dass die Welt untergehe. Doch im wirklichen Leben war diese Apokalypse ganz anders als in den Science-Fiction-Romanen, die ich früher gelesen habe.“ (Nicholls, Keiner kommt davon, 272f.)

Keiner kommt davon erzählt aus der Perspektive von Isabell, dreizehn Jahre alt, wie die Pest 1349 das kleine Dorf Ingleforn in der Nähe von York verändert. Die Krankheit lässt den Dorfbewohnern ebenso wie ihr Leben als Leibeigene keine Wahl. Freunde und Verwandte Isabells sterben, ihre Sorge gilt, da Heilung nicht möglich erscheint, dem ewigen Heil der Kranken und dem Überleben der Familie. Doch zuerst stirbt der kleine Halbbruder, dann Vater und Stiefmutter, zuletzt der Ehemann-Freund Robin. Geoffrey, den Mönch-Bruder, tötet die Krankheit in der Abtei. Kein Mittel hilft, der Gottesglaube Isabells schlägt um in blanken Hass (vgl. Nicholls, Keiner kommt davon, 264). Doch es ist ein Mönch, der ein zentrales Thema des Romans in Worte bringt: „„Frei zu sein ist köstlich“ (Nicholls, Keiner kommt davon)“ weiterlesen