„Du beginnst, die Teile hin und her zu schieben und sie wieder zu einem Ganzen zusammenzusetzen“ (Bonnie-Sue Hitchcock, Der Geruch von Häusern anderer Leute)

In den letzten, langen und teilweise sogar recht kalten Wintermonaten habe ich einige Bücher gelesen und nur wenig geschrieben. Das hatte viele Gründe, die mit dem Lesen wenig zu tun haben. Andere Projekte drängten in den Vordergrund und beanspruchten Zeit, die Winterviren forderten ihren Tribut, und zu manchen Texten gab es – wenigstens bislang – schlicht nichts zu sagen, etwa zum Weihnachtsbuch vom Sams (Paul Maar, Das Sams feiert Weihnachten, Oetinger Hamburg, 2017, ISBN 978-3-7891-0816-7). Und manchmal braucht ein Text auch einfach etwas Zeit, um seine Wirkung zu entfalten – jedenfalls ist das bei mir so. Anna Woltz‘ Buch „Hundert Stunden Nacht“ ist so ein Buch, das mich ziemlich beeindruckt, mir aber noch keinen eigenen Text entlockt (Anna Woltz, Hundert Stunden Nacht, Carlsen, Hamburg 2017, ISBN 978-3-551-58348-2) und mich auf ihr gerade erschienenes, aber noch nicht bei mir angekommenes neues Buch „Für immer Alaska“ sehr neugierig gemacht hat (Anna Woltz, Für immer Alaska, Carlsen, Hamburg 2018, ISBN 978-3-551-55378-2).

Aber dann sind da auch noch die Kinder- oder Jugendbuchtexte selbst. Lange habe ich darüber nachgedacht, was mir religionspädagogisch und theologisch interessierte Randbemerkungen so schwer macht, und es gibt tatsächlich einen Grund dafür in einigen – und gerade der besten – Bücher selbst, wenigstens glaube ich, ihn da gefunden zu haben. Sie sperren sich. Sträuben sich gegen das Nacherzähltwerden. Das mir eigentlich viel Freude macht. Aber immer weniger gelingt, je mehr die Texte vom linearen, kontinuierlichen Erzählfluss abweichen. Multiperspektivisch erzählen. Literarische Netzwerke konstruieren.

Solche Texte gefallen mir. Sie erzählen viel von der Unübersichtlichkeit, in die die Welt spätestens seit Brexit-Votum und Donald Trump torkelt, die sich aber schon lange vorher anbahnte (auch literarisch: Jutta Richters „Hund mit dem gelben Herzen“, hier viel zu lange unerwähnt geblieben, erzählte bereits mehrdimensional – doch damals fiel mir das Nacherzählen wohl noch leichter, gab es vielleicht noch Bezugsrahmen, in die hinein eine multiperspektivische Geschichte hineinerzählt und zusammengebunden werden konnte, deren Brüchigkeit zumindest ich hier oder hier noch nicht gespürt habe). Sie bringen auch die andere Perspektive zur Geltung – was beispielsweise Raquel J. Palacio in ihrem zweiten „Wunder“-Buch eindrucksvoll demonstriert (Raquel J. Palacio, Wunder – Julian, Christopher und Charlotte erzählen, Hanser, München 2017, ISBN 3-978-446-25528-9). Erzählen wird hier zu einem wichtigen, zu einem aufklärererischen Geschehen, das die Ich-Perspektive zugunsten pluraler Perspektiven überwindet oder besser: die verschiedenen Perspektiven einander zuordnet und so ein Gewebe von Welt- und Selbstdeutungen entstehen lässt. Das dann zugleich ein Abbild wie eine Antwort auf die aktuelle Unübersichtlichkeit darstellt: keine einfachen Nacherzählungen mehr möglich macht, aber die vielen Perspektiven, die vielen Sichtweiten, die vielen Biographien zur Geltung bringt.

Das gelingt übrigens Bonnie-Sue Hitchcock ausgesprochen gut (Bonnie-Sue Hitchcock, Der Geruch von Häusern anderer Leute, Königskinder-Verlag, Hamburg 2016, 978-3-551-56021-6). Und sie erklärt am Ende eines solchen vielperspektivisch erzählten Romans aus lauter Fragmenten, was das Ganze bedeutet. Am Ende nämlich ist es so:

„Du beginnst, die Teile hin und her zu schieben und sie wieder zu einem Ganzen zusammenzusetzen“ (Hitchcock, Der Geruch von Häusern anderer Leute, 302).

Das ist ein schwieriges Unterfangen.

„Du beginnst, de Teile hin uns her zu schieben und sie wieder zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Natrülich wird das Ergebnis nicht dasselbe sein wie vorher. Es wird sich erst einmal seltsam anfühlen, und vielleicht musst du mehrmals von vorne beginnen“ (ebd.).

Aber ganz am Ende kannst du etwas entdecken.

„Da ist es, mein Herz. Es mag aus tausend Stücken zusammengeflickt und etwas mitgenommen sein, aber es schlägt“ (ebd., 315).

Und das ist schon eine ganze Menge.

„Eindeutig“ (ebd.).

Oder ist auch das noch nicht das letzte Wort?

 

„Ich finde, es sollte eine Regel geben, dass jeder Mensch auf der Welt wenigstens einmal in seinem Leben Standing Ovations bekommen muss“ (Raquel J. Palacio, Wunder)

Die genannten

„Standing Ovations“ (Raquel J. Palacio, Wunder, üb. von André Mumot, München 2013, 278)

bekommt August Pullman am Ende tatsächlich:

„Und als ich die Treppe zur Bühne hinaufging, passierte das Erstaunlichste: Alle standen auf. Nicht nur die ersten Reihen, sondern das ganze Publikum erhob sich plötzlich von den Sitzen, jubelte und klatschte wie verrückt. Es waren Standing Ovations. Für mich.“ (Palacio, Wunder, 370).

Denn er hat es

„bloß durch die fünfte Klasse geschafft. Und das ist nicht leicht, selbst wenn man nicht zufällig August Pullmann ist“ (Palacio, Wunder, 371).

Der Weg in die Schule war für August dornig: bislang war er zu Hause von seiner Mutter unterrichtet worden, die ihren Sohn intensiv zu beschützen versucht: auch nach zahlreichen Operationen –

„Siebenundzwanzig seit meiner Geburt.“ (Palacio, Wunder, 11) –

fällt August auf, irritiert sein Aussehen alle, denen er begegnet, nachhaltig. Dass er es deshalb in der Schule doppelt schwer hat, versteht sich:

„bei August [ist] eine ‚zuvor unbekannte Art des Treacher-Collins-Syndroms aufgetreten“ (Palacio, Wunder, 130).

Ich verzichte an dieser Stelle auf eine ausführliche Inhaltsangabe wie August auf die Beschreibung seines Gesichts

„Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt – es st schlimmer.“ (Palacio, Wunder, 10)

– das Buch ist die Lektüre unbedingt wert, und zu der gehört das Überraschende nun einmal dazu – und beschränke mich auf die Markierung dreier thematischer Besonderheiten.

Wunder

Da ist nämlich einmal das titelgebende „Wunder“ – in Person von August selbst.

„Ich weiß, dass ich kein normales zehnjähriges Kind bin“ (Palacio, Wunder, 9)

ist der erste Satz des Romans, und er wird gleich im zweiten Absatz mit der Sehnsucht nach einer

„Wunderlampe“ (Palacio, Wunder, 9)

präzisiert, die es August ermöglichen würde,

„ein normales Gesicht zu haben“ (Palacio, Wunder, 9).

Aber das ist – wie die Wunderlampe – unmöglich, selbst wenn man in Anschlag bringt, dass selbst die Naturwissenschaft

„keine exakte Wissenschaft ist“ (Palacio, Wunder, 132).

Veränderbar ist jedoch die Semantik des Begriffs „normal“. Am Ende kann August mit ihr umgehen.

„Für mich bin ich nur ich. Ein normaler Junge.“ (Palacio, Wunder, 371)

Und das genügt, um zugleich das Wort Wunder zu transformieren:

„‚Du bist wirklich en Wunder, Auggie. Du bist ein Wunder.“ (Palacio, Wunder, 375)

stellt seine Mutter fest. Ich stelle darüber hinaus fest, dass diese Wunder-Transformation in Die Zeit der Wunder ebenfalls stattgefunden hat.

(Un-)Zugehörigkeit

Das zweite Thema ist das der Nicht-Zugehörigkeit. August selbst konstatiert bereits auf der ersten Seite deren Ursprung:

„Ich glaube, es ist so: Der einzige Grund dafür, dass ich nicht normal bin, ist der, dass mich niemand so sieht.“ (Palacio, Wunder, 9)

und beschreibt damit mustgültig die soziale Dimension von Exklusion aufgrund eines Anderssein, das die Grenzen des gesellschaftlich tolerierten Gewöhnlichen sprengt – heterogener ist als das der übrigen Schülerinnen und Schüler:

„Einige von ihnen hatten Nasenpiercings. Einige hatten Pickel. Keiner von ihnen sieht aus wie ich.“ (Palacio, Wunder, 79)

Eine Stärke des Romans liegt nun darin, dass die Erzählung immer wieder die Perspektive kapitelweise wechselt: neben August sind auch seine Schwester Via, deren Freunde Miranda und Justin, sowie Augusts Mitschülerin Summer und sein Nebensitzer Jack, dem August schon längst auf der Straße aufgefallen war, Ich-Erzähler der Geschichte. Die Multiperspektivität zeigt: als ausgeschlossen erfährt sich nicht nur August selbst. Auf unterschiedliche Weise sind weitere Personen mitbetroffen. Und es fällt allen nicht leicht, die Barrieren, die so auf äußerst unübersichtliche Weise aufgestellt sind, in den Blick zu nehmen, geschweige denn zu überwinden: sowohl August und Jack als auch Via und Miranda durchleben Schweigezeiten des Miss- und Nichtverstehens.

Religiöse Sprache

Aufmerksam machen möchte ich drittens auf die hier und da aufblitzende, zugleich aber jeweils auch als problematisch markierte religiöse Sprache. Da ist einerseits die Rede vom

„Lamm[, das] zur Schlachtbank geführt“ (Palacio, Wunder, 59; vgl. ebd., 18 und 20)

wird – August muss sich im Internet kundig machen, um die Bedeutung der Redewendung (biblischen: Jes 53,7) zu verstehen: ganz ähnlich Harry Potter, der die biblische Grabinschrift seiner Eltern nicht mehr richtig zu deuten vermag.

Ähnlich muss Mr. Pomann seiner Abschlussrede am Ende des Schuljahres, einem flammenden, in der Tradition des Gottebenbildlichkeitsgedankens der jüdisch-christlichen Tradition stehenden Plädoyer dafür, sich so zu verhalten, dass

„‚die Welt zu einem besseren Ort werden [kann]. Und wenn ihr das tut, wenn ihr euch etwas freundlicher verhaltet als notwendig, dann wird irgendjemand irgendwo irgendwann vielleicht in jedem Einzelnen von euch das Antlitz Gottes erkennen.'“ (Palacio, Wunder, 363),

augenzwinkernd eine einschränkende Bemerkung nachschicken:

„‚Oder welche politisch korrekte spirituelle Verkörperung universeller Güte es auch sen mag, an die ihr zufällig glaubt'“ (Palacio, Wunder, 364).

Unverständlich gewordene oder als exkludierend erfahrene Traditionsbestände werden deshalb jedoch in Wunder nicht aufgegeben, sondern – damit bin ich wieder bei meiner ersten Beobachtung – transformiert. Das wirkliche Wunder, der Ort der Gottesgegenwart, ist der Mensch. Man muss ihn nur als solchen sehen lernen.